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Staatsoper Hamburg

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Johann Mattheson

Die unglückselige Cleopatra, Königin von Egypten oder Die betrogene Staats-Liebe

Letzte Aufführung
SO, 24.06.2012 20:00 Uhr


Die Reize der Cleopatra

Das Internationale Opernstudio präsentiert mit »Die unglückselige Cleopatra oder die betrogene Staatsliebe« eine barocke Hamburgensie von Johann Mattheson

Ortstermin in der Staatsbibliothek Hamburg mit Regisseur Holger Liebig. In der dortigen Musiksammlung liegt Johann Matthesons autographe Partitur zu seiner Oper »Die unglückselige Cleopatra oder die betrogene Staats-Liebe.« 1704 wurde sie an der Hamburger Gänsemarkt-Oper uraufgeführt.
Es geschieht nicht alle Tage, dass man in der originalen Handschrift jenes Stücks blättern kann, mit dem man sich gerade beschäftigt. Auch Holger Liebig, der in Leipzig Musikwissenschaft, Vergleichende Künste und Philosophie studiert hat, lässt sich von Matthesons geschwungener Feder inspirieren. »Ein tolles Gefühl, etwas in den Händen zu halten, das bei der Uraufführung mitgespielt hat! Wobei his­torisches Bewusstsein ja keine museale Ehrfurcht meint. Das Wichtigste wird es natürlich sein, lebendiges Theater zu machen.«
Im Rahmen des Jubiläums »333 Jahre Oper in Hamburg« erinnert die Aufführung von Matthesons »Cleopatra« - wie schon die erfolgreiche Produktion von Telemanns »Flavius Bertaridus« - an die kurze, aber glor­reiche Epoche der ersten Bürgeroper Deutschlands. An der Gänsemarkt-Oper, einen Steinwurf von der heutigen Staatsoper entfernt, erlebten einheimische Bürger und Gäste der umliegenden Adelshöfe ein staunenswert engagiertes Ensemble, das freilich fast immer am Rand des Bankrotts stand. Unter den damaligen Stars war neben Telemann auch Johann Mattheson ein ganz großer Name. Heute ist der gebürtige Hamburger vor allem noch als Musiktheoretiker bekannt - wer sich ernsthaft für barocke Aufführungspraxis interessiert, kommt an seinen Schriften wie »Der vollkommene Capellmeister« nicht vorbei. Doch Mattheson war mehr als der von Bach und Händel geschätzte Musikschriftsteller: er betätigte sich als Diplomat, Universalgelehrter, Sänger - und nicht zuletzt als Komponist.
»Cleopatra« entstand kurz vor Matthesons überraschendem Rückzug aus dem Hamburger Opernleben (1706). Bis dahin war er als Tenor, Komponist und Arrangeur ein unermüdlicher Motor der Gänsemarkt-Oper gewesen. In seinem Eifer steckte durchaus eine gesunde Portion Eitelkeit und Ehrgeiz. Bei der Ur­­auf­­­führung der »Cleopatra« ereignete sich der berühmte Streit mit Händel: Mattheson dirigierte sein Werk vom Cembalo aus und sang gleichzeitig den Marcus Antonius. Während er auf der Bühne stand, sollte ihn der 19-jährige Händel am Cembalo vertreten. Das junge Genie dachte aber nicht daran, seinen Platz wieder zu räumen. Mattheson forderte ihn wutentbrannt zum Duell, und nur ein Rockknopf soll verhindert haben, dass Händel vom Degen seines Kontrahenten durchbohrt wurde ...
Eine schöne Legende mit einem großen Kern Wahrheit. So ist es auch mit dem Stoff zu Matthesons »Cleopatra«. Der unwiderstehliche Charme der sagenhaften ägyptischen Herrscherin wurde in unzähligen Filmen, Theaterstücken und Comics (»Diese Nase!«) geschildert. Dabei spielt ihre prekäre Liebeslage in einem Dreieck zwischen Julius Cäsar, Marcus Antonius und Cäsars Adoptivsohn Octavian - dem späteren Kaiser Augus­tus - meist die Hauptrolle. Auch Mattheson lässt sich die Liebesstrategien Cleopatras nicht entgehen.
Regisseur Holger Liebig, seit 2010 Spielleiter an der Hamburgischen Staatsoper, interessiert an der Titelfigur vor allem »ihre Unentschiedenheit, was ihre Liebhaber betrifft, wobei ihre Wechsel ganz klar durch einen absoluten Willen zur Macht motiviert sind. Cleopatra lässt Antonius fallen, als sie von Augustus das Angebot bekommt, mit ihm in Rom zu herrschen.« Doch Augustus' Liebesbeteuerungen sind nur Teil seiner Intrige. Cleopatra durchschaut die List zu spät. Sie entzieht sich der Rache des Augustus und gibt sich auch bei Mattheson durch einen legendären Schlangenbiss den Tod. »Der Mythos Schlange lebt - auch in meiner Inszenierung«, verrät Holger Liebig.
Überhaupt spielt der junge Regisseur, der 2009 für die Opera piccola sehr erfolgreich »Das Geheimnis der schwarzen Spinne« in Szene setzte und vor seiner Rückkehr nach Hamburg am Staatstheater Mainz engagiert war, mit den Mythen um Cleopatra - von Hollywood bis Heute. »Die Tradition des Monumentalfilms prägt ja unser heutiges Antiken-Bild. Cleopatra können wir uns ohne Hollywood-Ikonen wie Liz Taylor oder Claudette Colbert kaum vorstellen.« So wollen auch die Kos­tüme von Julia Schnittger gewisse Hollywoodfilm-Erwartungen durchaus spielerisch bedienen. Julia Schnittger sorgte bereits bei der Kinderoper »Das Geheimnis der schwarzen Spinne« für einen fantasievollen Look und ist aktuell an den Bühnen von Oldenburg und Karlsruhe tätig. 2009 erhielt sie den Gudrun-Wassermann-Buschan-Preis der Stadt Mannheim für Junge Bühnen- und Kostümbildner. Vor allem aber wird das Kostümbild helfen, die Figuren klar zu zeichnen - was im Liebes­­wirrwarr der Barockoper keine leichte Aufgabe ist. Denn neben Cleopatra und ihren Männern durchleben auch ihre Kinder Ptolemäus und Candace turbulente Beziehungskrisen: Ptolemäus sucht seine Identität nicht zur Freude seiner Geliebten Mandane, Candace liebt Juba, der mit den römischen Belagerern paktiert.
»Diese Generation der Kinder steht für ein toleranteres Denken«, meint Holger Liebig. »Es scheint, als hätte Mattheson hier schon Ideale der Aufklärung vorweggenommen. Die Kinder distanzieren sich von der reinen Machtpolitik und propagieren eine Gesellschaft, die sich nicht durch Stand und Herkunft, sondern durch menschliche Tugenden definiert. Das ist ein sehr moderner Aspekt im Stück.«
Und Cleopatras Liebhaber? »Marcus Antonius ist von Anfang an der große Gescheiterte - auf allen Ebenen, politisch wie privat. Und am Schluss hat er nicht mal den Mut, sich umzubringen«, bilanziert der Regisseur. Antonius' Gegenspieler Augustus pendelt ins andere Extrem: »Augustus steigert sich in eine diktatorische Paranoia - für mich ein Aufhänger der In­­ter­pretation. Mit dieser Figur kann man wunderbar zeigen, dass die Mechanismen in politischen Systemen sich über die Jahrhunderte nicht verändert haben.«
Die Intrigen um die verführerische, sich ständig wandelnde Cleopatra setzt Nikolaus Webern in einen offenen Raum, der das kleine Orchester ins Zentrum platziert. Auch der junge österreichische Bühnenbildner hat sich in Hamburg im Team der »Schwarzen Spinne« vorgestellt; derzeit arbeitet er nach dem Gewinn des Grazer »Ring Award Off 2011« in Kopenhagen und am Theater an der Wien.
Den Gegebenheiten der Opera stabile passt sich das Instrumentarium an. Nicholas Carter, seit 2011 Assis­tent von Simone Young, hat an der Staatsoper bereits Rossinis »Barbiere di Siviglia« dirigiert, kennt sich aber als gelernter Cembalist auch bestens im Barock aus. »Wir haben Matthesons Partitur ein wenig gestrafft«, erzählt der australische Dirigent, »sowohl hinsichtlich der Länge als auch der Besetzung. Wir musizieren mit historischen Instrumenten wie Cembalo, Laute und Theorbe sowie Barockbögen für die Streicher. Matthesons Arien sind sehr kurz und fließend, ganz anders, als man es etwa von Händel kennt. Die Musik vermittelt den Eindruck großer Spontaneität und Frische. Insgesamt orientiert sich Mattheson eher an der tänzerischen Melodik und Rhythmik der französischen Oper als an der italienischen Opera seria.« Eine schöne Herausforderung für die jungen Sänger des Opernstudios Mélissa Petit, Levente Páll, Paulo Paolillo, Katharina Bergrath, Juhee Min, Chris Lysack und Thomas Florio, zu denen sich als Gäste noch Nerita Pokvytyte und Daniel Philipp Witte, Absolventen der Musikhochschule Hamburg, gesellen.
Die Bürgernähe der Gänsemarkt-Oper zeigte sich auch in der bevorzugten Verwendung der deutschen Sprache. Cleopatra liebt und leidet hier nicht in der Opernsprache Italienisch, sondern im wunderbar umständlichen barocken Deutsch des Hamburger Theologen Friedrich Christian Feustking. Um die Katastrophen »bei Königs« auch den »billigen Plätzen« schmackhaft zu machen, setzten Mattheson, Keiser & Co. sogar Plattdeutsch ein. Auch in »Cleopatra« wird platt gesnackt - und zwar von Antonius' Diener Dercetaeus. Die komische Figur überschreitet mit ihren derben Kommentaren alle Grenzen des höfischen Anstands - ein Fürstenspiegel in schönstem Plattdüütsch. »Dercetaeus holt die Schwierigkeiten der Regierenden auf den Boden der Tatsachen. Er nähert das Verhältnis der Figuren den Zuschauern an«, meint Holger Liebig. Oder wie Dercetaeus es sagen würde: »Wat stellt sick doch en Deeren vertwifelt hilig an? Un kumt se eerst tum Mann, so will se stracks regeren!«

Kerstin Schüssler-Bach

Fotos: © Rosa Frank