Richard Wagner
Lohengrin
Letzte Aufführung
16. Mai 2005 17:00 Uhr
 


Die gescheiterte Hoffnung

Die aufsehenerregende Lohengrin-Interpretation von Ingo Metzmacher und Peter Konwitschny kehrt an die Staatsoper zurück.

Als Richard Wagners Oper "Lohengrin" 1850 in Weimar unter Stabführung von Franz Liszt erstmals auf die Bühne gelangte, hielt sich der Komponist gerade im Schweizer Exil versteckt. Er wurde wegen aktiver Beteiligung an den Unruhen in Dresden 1849 steckbrieflich gesucht, als "politisch gefährliches Individuum". Obwohl in der hoffnungsvollen Aufbruchsstimmung der Märzrevolution entstanden, bezeichnet man dieses Werk oft als Wagners "pessimistischstes", vielleicht weil es die Unvereinbarkeit von Realität und Utopie thematisiert. Der Komponist fasste den Kern der Handlung mit folgenden Worten zusammen: "Als Symbol der Fabel kann ich nur festhalten: die Berührung einer übersinnlichen Erscheinung mit der menschlichen Natur und die Unmöglichkeit der Dauer derselben."

Für Wagner war dieses Sujet kein Märchen aus dem fernen ritterlichen Mittelalter, sondern er wollte mit der Geschichte politische und philosophische Fragen stellen, die kurz vor Ausbruch der Märzunruhen von brennendem Interesse waren. Der Hauptakzent der Geschichte liegt auch für Regisseur Peter Konwitschny auf dem Problem der Einbindung des Utopischen in die reale Welt. Er sieht in den handelnden Personen unreife, noch orientierungslose Jugendliche, "die große Sehnsucht nach etwas haben, aber nicht wissen, wie sie das leben sollen ... Da kommt dann so ein Lohengrin daher, der verkörpert all das, wovon die anderen ungebärdigen und emotionalen 'Kinder' von Brabant noch träumen". Lohengrin, der einzige Erwachsene, der sich nach der Bewahrung des Kindlichen im Erwachsenensein sehnt, trifft auf die Kinder von Brabant, die sich wiederum danach sehnen, erwachsen zu werden. Es ist die Geschichte eines Traums, die Richard Wagner erzählt, die Geschichte einer großen Liebe und auch die der enttäuschten Hoffnungen. Zwei Menschen treffen aufeinander, die eine Sehnsucht verbindet: "Elsa hat Sehnsucht nach dem 'Höheren', dem Heiligen, das aus ihrer Welt verschwunden ist. Lohengrin wiederum hat Sehnsucht nach dem 'Irdischen', der Wärme des Lebens unter Menschen. Die Ähnlichkeit des musikalisch-thematischen Materials, mit dem die beiden Figuren ausgestattet sind, macht deutlich, dass sie zusammengehören, sie können aber doch nicht zueinander finden, da die Erfüllung der Sehnsucht unabdingbar auch das Ende des Traums ist." (Peter Konwitschny)

Die Hamburger "Lohengrin"-Inszenierung ist eine der aufsehenerregendsten der letzten Jahrzehnte, preisgekrönt (Bayerischer Theaterpreis) und auch im mediterranen Ausland (in Barcelona) stürmisch bejubelt. Sie ist geprägt von tiefem Humanismus und einer großen Liebe zu Figuren und Stück. Und: "Es darf sogar gelacht werden im Klassenzimmer, wo der Heerufer auch nur ein Schüler ist und der König sich auch mit Stöckchen und Pappkrone keine Autorität verschaffen kann. Denn die Komik ist keine unfreiwillige mehr, wie so oft beim 'Lohengrin', bei dem hehr und Heer nahe beieinanderliegen, bei dem nicht nur Schwanenfedern geschwungen werden, sondern auch Schwerter. Sie gehört diesmal zur Sache selbst. Das bedeutet keineswegs, dass in Hamburg nur Posen als Posse zu sehen wäre. Dafür sorgt schon das wilhelminische Ambiente. Die agressiven Kriegsspielchen vom 'deutschen Reich' und 'deutschen Schwert' gewinnen im Vorfeld von zwei Weltkriegen ganz anderes Gewicht als im Bühnenmittelalter von Brabant ... Seit Patrice Chéreau hat niemand Wagners Figuren so selbstverständlich, so detailreich und menschlich vom Podest geholt wie Peter Konwitschny. Er versteht Sänger, auch den Chor, nicht als ausführende Organe eines aufdiktierten Konzeptes, sondern umschwärmt sie mit seinen Ideen. Er entwickelt aus ihrem Bewegungshabitus die natürlichste Personenregie der Welt", schrieb Stephan Mösch in der "Opernwelt".

 
Szenenfoto aus »Lohengrin«
Szenenfoto aus »Lohengrin«
 
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