Zur mobilen Website wechseln
Staatsoper Hamburg

Staatsoper Hamburg Keyvisual


 
Richard Wagner

Tristan und Isolde

Letzte Aufführung
DI, 14.05.2013 17:00 Uhr


Überall der Schrei, die Klage

Eine legendäre Inszenierung kehrt zurück: "Tristan und Isolde"

"O sink hernieder, Nacht der Liebe". Zum schönsten Liebesduett der Operngeschichte treten Tristan und Isolde in das Innere einer riesigen Turbine, dessen metallene Streben sich langsam zu drehen beginnen. Die vom Komponisten geforderte "brünstige Umarmung" der Liebenden findet nicht statt. Auch im "Liebestod" wendet sich Isolde vom sterbenden Tristan ab und tritt zu den letzten Takten an die Bühnenrampe, der Vorhang mit dem nächtlichen Sternenhimmel senkt sich hinter ihr, und sie umarmt einen kraterübersäten Planeten. Nicht der Tod, sondern die Utopie von Liebe steht am Schluss der Oper. Eine radikal neue Interpretation von Richard Wagners elektrisierender Oper, die die Meisterregisseurin Ruth Berghaus Ende der 80er-Jahre auf die Bühne der Staatsoper gestellt hat.
Wagner beschäftigte sich bereits 1854 intensiv mit Gottfried von Straßburgs mittelalterlichem Epos "Tristan und Isolt" (1210). In seinem Züricher Domizil, auf dem Anwesen des rheinischen Kaufmannsehepaares Otto und Mathilde Wesendonck, schrieb er 1857 die Dichtung und komponierte den 1. Akt. Den 2. Akt vollendete er in Venedig, die Partitur des dritten 1859 in Luzern. Parallel dazu komplettierte er seine theoretischen Anschauungen zum Musikdrama, die er gleichzeitig an Teilen der "Ring des Nibelungen"-Komposition schöpferisch erproben konnte. Bei "Tristan" jedoch habe er sein kompostitorisches "System" überflügelt, bekannte der Komponist: "Mit Zuversicht versenkte ich mich in die Tiefen der inneren Seelenvorgänge und gestaltete aus diesem intimsten Zentrum der Welt ihre äußere Form. Aller Leben und Tod, die ganze Bedeutung und Existenz der äußeren Welt hängt hier allein von der inneren Seelenbewegung ab." Schöpferische Impulse empfing der Komponist während dieser Zeit aus den Spannungen seiner unerfüllten Liebe zu Mathilde Wesendonck.
Es gibt nur ein Thema in dieser "Handlung", wie Wagner sein Werk bezeichnet - die Liebe. Richard Wagner zelebriert sie in drei Akten, die mit "Verzweiflung", "Erfüllung" und "Tod" überschrieben sein könnten: Verzweifelt ist Isolde, die dem englischen König Marke als Braut zugeführt werden soll. Der Brautwerber Tristan hat ihren Verlobten Morold im Kampf getötet. Doch statt des Todestranks, den Isolde für Tristan bereithält, um den Geliebten zu sühnen, trinken beide irrtümlich den Liebestrank. Erfüllung findet ihre Liebe im Park von Markes Burg. Doch sie werden entdeckt. Tristan lässt sich im Zweikampf schwer verletzen. Im dritten Akt liegt er im Sterben, auf der Burg seiner Väter. Ein letztes Mal sieht er Isolde, die ihm in den Tod folgen wird.
Ruth Berghaus hat die Handlung von allem romantischen Beiwerk befreit, um sie auf ihren Kern, auf "die Tiefen der inneren Seelenvorgänge", zu reduzieren. Sie sieht das Paar mit dem nüchternen Blick von heute und schickt es auf eine galaktische Reise durch Raum und Zeit. Seine Liebe ist nicht von dieser Welt, in der die Gefühle zunehmend erkalten. Tristan und Isolde blicken einander nicht an. Eher horchen sie in ihr Inneres. Selbst im Liebesduett scheinen sie Monologe zu singen. Die Liebe und die Angst vor der Liebe, Anziehung und Abstoßung zweier Menschen, die den Zwängen ihrer gesellschaftlichen Realität nicht entrinnen können. In ihrer Stückdeutung ist die Liebe - da nimmt Berghaus Wagner beim Wort - nicht Ekstase, sondern Verzweiflung: "Es ist dasselbe im Venusberg wie im Tristan, dort verliert es sich in Anmut, hier in den Tod, überall der Schrei, die Klage", notierte der Komponist.
Die Regisseurin beschreibt den Untergang des Menschen durch Liebe mit großer Eindringlichkeit und Bildgewalt. Unendliche Einsamkeit suggeriert das Bühnenbild von Hans-Dieter Schaal: ein gleißendes Raumschiff auf der Fahrt durch die Galaxis im ersten Akt, das Schiffsinnere, eine Art "Kraftwerk der Gefühle", in deren unentrinnbaren Sog die Menschen geraten sind, im zweiten, schließlich die Trümmer des scheinbar an einem Meteoriten zerschellten Schiffes im dritten Akt.
In der Frankfurter Rundschau konnte man damals lesen: "Frau Berghaus gibt dem Theater, was des Theaters ist. Es gibt nicht nur zu Hören, sondern das Auge bleibt in Bewegung, die Langeweile, die sich bei mancher 'Tristan'-Aufführung einstellt, kann hier nicht aufkommen."