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Staatsoper Hamburg

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Ballett von John Neumeier nach dem Roman von Alexandre Dumas

Die Kameliendame

Letzte Aufführung
MI, 3.10.2012 19:30 Uhr


Die Liebe macht den Menschen besser,
von welcher Seite sie auch kommen möge.
Alexandre Dumas d. J.


Der Weg des Balletts »Die Kameliendame« beginnt eigentlich mit der Beisetzung von John Cranko im Jahre 1973. Damals versprach ich Marcia Haydée, ihr und der Stuttgarter Compagnie zu helfen, wenn ich es könnte. Nachdem sie dann Ballettdirektorin des Ensembles geworden war, bat sie mich sofort, gelegentlich Stücke für die Compagnie zu choreographieren, insbesondere ein abendfüllendes Werk. Während eines Essens mit Marcia Haydée kam mir dann blitzartig bei ihrem Anblick die Idee, für sie »Die Kameliendame« nach dem Roman von Alexandre Dumas fils zu kreieren, der mich seit vielen Jahren schon faszinierte. Der Stoff des Balletts also war gefunden; zu welcher Musik ich »Die Kameliendame« aber choreographieren wollte, wusste ich anfangs noch nicht. Meine erste Idee war, die Opernmusik von Verdi bearbeiten zu lassen, ein Plan, den ich jedoch bald verwarf. Dann fand ich sogar die Partitur für ein abendfüllendes Ballett zu diesem Thema von dem französischen Komponisten Henry Sauguet, die mir bei näherer Betrachtung allerdings auch nicht die richtige Musik zu sein schien. Der Zeitpunkt des Probenbeginns rückte schon bedrohlich näher, und zufällig, wieder beim Essen, traf ich den Dirigenten Gerhard Markson und stellte ihm verzweifelt die Frage: »Welche Musik würden Sie für ein Ballett nach Dumas 'Kameliendame' nehmen?« Er überlegte einige Minuten und antwortete: »Chopin oder Berlioz oder beide zusammen.« Ich war begeistert von dem Chopin-Gedanken, denn ich liebe diesen Komponisten sehr, hatte aber noch nie etwas zu dieser Musik choreographiert. Ich bat Herrn Markson um eine Zusammenstellung der Stücke, die für das Ballett in Frage kämen. Innerhalb weniger Wochen ist dann das musikalische Konzept, so wie es jetzt ist, entstanden.
Im Unterschied zu Dumas' Schauspiel oder Verdis Oper habe ich mein Ballett durch die Figuren von Manon Lescaut und Des Grieux ergänzt. Diese Idee kam mir aufgrund der Romanversion der »Kameliendame«, in der Marguerite von Armand den Roman »Manon Lescaut« geschenkt bekommt. Dieses Buch wird bekanntlich nach ihrem Tod bei der Versteigerung ihrer Sachen von dem späteren Autor der »Kameliendame« erworben. Armand versucht nach seiner Rückkehr nach Paris, unbedingt wieder in den Besitz des Buches zu gelangen. So ist es nicht nur der Grund für die Begegnung von Armand und dem Autor, sondern auch Anlaß für Armand, seine Geschichte, sein Leben mit Marguerite zu erzählen. Übrigens nehmen alle wichtigen Personen in der »Kameliendame« Stellung zu Manon. Armands Vater sagt in einer Auseinandersetzung: »Wer eine Manon liebt, läuft Gefahr, ein De Grieux zu werden.« Und Marguerite meint: »Wenn eine Frau liebt, kann sie nicht wie Manon handeln.« So habe ich Manon und De Grieux als eine Art Spiegel für Marguerite und Armand benutzt: Ihre Gedanken, ihre Zweifel und ihre Vorstellungen von der Zukunft, ihre Phantasien werden sichtbar, werden reflektiert in dem anderen Paar. In meinem Ballett lernen sich Marguerite und Armand übrigens während einer Vorstellung von »Manon Lescaut« kennen: ein Spiel im Spiel. Und am Ende, wenn Marguerite mit ihrer letzten Kraft versucht, noch einmal das Leben zu greifen, geht sie zurück in das Theater und erlebt den Schlussakt von »Manon«. Die Verlassenheit und Einsamkeit der beiden Liebenden Manon und Des Grieux begleiten sie nach Hause und in ihren eigenen Tod. Das Ballett endet mit einem »Pas de trois«, in dem sie sich so stark mit den Liebenden identifiziert, dass sie nicht mehr unterscheiden kann, ist es Armand oder ist es De Grieux, ist sie Marguerite oder ist sie Manon.

John Neumeier