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Staatsoper Hamburg

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Richard Wagner

Die Meistersinger von Nürnberg

Letzte Aufführung
FR, 17.05.2013 17:00 Uhr


Blick zurück in Liebe

Rechtzeitig zum Wagner-Wahn kehren Peter Konwitschnys »Meistersinger von Nürnberg« zurück. Dramaturg Werner Hintze wirft einen Blick auf Wagners einzige komische Oper.

Kaum ein Künstler des 19. Jahrhunderts hat sich so intensiv mit dem Konflikt von Tradition und Erneuerung auseinandergesetzt wie Richard Wagner. Und kein Opernkomponist hat dieses Problem so häufig in seinen Werken reflektiert wie er, bei dem sich nahezu alle Werke aus dem Blickwinkel dieser Frage lesen lassen. Der Grund liegt auf der Hand: Da ist einer, der sein Leben lang überzeugt ist, dass diese Welt radikal erneuert werden muss. Da er aber aus dieser Überzeugung heraus Werke schafft, denen er Dauerhaftigkeit wünscht, muss er sich zwangsläufig fragen, was denn aus dem wertvollen Alten werden soll, wenn das Neue erreicht ist.
Das stärkste Bild für die radikale Erneuerung findet sich im »Siegfried«: Die Bruchstücke des Schwertes werden nicht als zwar nutzlose aber höchst verehrungswürdige Zeugen einer toten Vergangenheit (sozusagen »werktreu«) aufbewahrt, sondern rücksichtslos für die Gegenwart brauchbar gemacht: zu Spänen zerfeilt und in ein neues Schwert umgegossen. Im »Tannhäuser« lässt Wagner den genialen Künstler auf eine in lebloser Traditionspflege erstarrte Umwelt prallen und tragisch scheitern. Freilich zeigt er unmissverständlich, auf welcher Seite er steht, indem er die Natur selbst für den jugendlichen Umstürzler Partei ergreifen lässt: Das trockene Holz in der Hand des Priesters schlägt wieder aus.
Die differenzierteste und tiefsinnigste Reflexion der Frage nach der Tradition aber ist Gegenstand von Wagners kühnstem Unternehmen: »Die Meistersinger von Nürnberg« sind nicht nur die einzige komische Oper des reifen Wagner, sondern auch gleichzeitig sein komplexestes und virtuosestes Werk. Ursprünglich als kleines ironisch-parodistisches Nachspiel zum »Tannhäuser« konzipiert, entwickelte sich das Werk unter der Hand zu einer profunden, komödiantisch aufgelockerten Kunstdiskussion. Wagner konfrontiert auch hier den jungen Mann, der dichtet und singt, wie ihm der Schnabel gewachsen ist, mit einem Männer-Zirkel, der Wesen und Sinn der Kunst darin sieht, neue Werke nach den Schnittmustern der großen und verehrten alten zu fertigen. Aber in der Komödie muss der Konflikt zu einem harmonischen Ausgleich geführt werden. Diesen Ausgleich erreicht Hans Sachs, der dem jungen Mann den Wert des Überkommenen und die Möglichkeit einer behutsamen, nicht zerstörerischen Erneuerung aufzuzeigen vermag und ihn auf diese Weise zu dem Lied befähigt, mit dem er den Sieg davonträgt.
Eine Komödie über ein kunsttheoretisches Problem kommt der Quadratur des Kreises gleich. Wagner löst das Problem, indem er den Streit um alte und neue Kunstregeln auf höchst virtuose Weise mit einer Liebesgeschichte verknüpft: Eva, die durch Gewohnheit und Zuneigung mit dem alternden Mann verbunden ist, steht metaphorisch für die Kunst, Sachs für die Tradition und Stolzing für das Neue. Es ist für jeden nachvollziehbar, dass sich die junge Frau dem jungen Mann zuwendet. Und dass der Dreieckskonflikt nicht tragisch endet, liegt daran, dass Sachs die Rolle spielt, die Wagner der richtig verstandenen Tradition zuweist: Er verhilft dem jungen Heißsporn zum Sieg, indem er seine kreativen Potenzen durch die neu gedeuteten alten Regeln strukturiert und gleichzeitig entfesselt. Aber diese Verknüpfung der beiden Ebenen ist nicht nur ein Kunstgriff, der aus der trockenen ästhetischen Diskussion eine bühnenwirksame Komödie macht. Die Liebesgeschichte ist integraler Bestandteil der Konzeption des Stückes. Denn nur als Liebender ist Stolzing in der Lage sein Lied zu schaffen, nur als Liebender ist Sachs in der Lage, ihn dazu zu bringen, nur durch Liebe und eben nicht durch geisttötende Anbetung kann das Alte in die Gegenwart gebracht werden und dort weiterleben.
Der dieses Stück komponierte, hätte der Auffassung jenes gefeierten Dirigenten wohl heftig widersprochen, der meinte, nachdem die großen Meister von ihren Sockeln gestoßen sind, sei es Zeit, sie wieder auf selbige zurückzustellen. Wagner empfiehlt uns nicht Anbetung der alten Meister, auch des Bayreuther nicht, sondern Aneignung. Mit Respekt – sicherlich, vor allem aber mit Liebe, die den geliebten Gegenstand ins Leben bringen und im Leben halten möchte.