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Staatsoper Hamburg

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Richard Wagner

G├Âtterd├Ąmmerung

Letzte Auff├╝hrung
SO, 2.06.2013 17:00 Uhr

    Staatsoper Hamburg

    Endstimmung
    Simone Young ├╝ber ┬╗G├Âtterd├Ąmmerung┬ź

    Als wir im Februar 2008 ├╝ber den Beginn des Hamburger ┬╗Ring┬ź-Projekts sprachen, war es aus der Perspektive, einen langen k├╝nstlerischen Weg vor sich zu haben. Jetzt sind wir mit der ┬╗G├Âtterd├Ąmmerung┬ź auf der Zielgeraden angelangt. Welche Gef├╝hle bewegen dich dabei?

    Simone Young: Es ist ein aufregendes und hoch angespanntes Gef├╝hl, wie es nicht anders sein kann, wenn man vor dem Abschluss eines so lange geplanten und ├╝ber mehrere Jahre fortw├Ąhrenden k├╝nstlerischen Prozesses steht. Man fiebert darum, dass das Finale gelingt und alle vorangegangenen Anstrengungen sich gelohnt haben. Ich finde, dass die Ideen, die das Regieteam f├╝r die ┬╗G├Âtterd├Ąmmerung┬ź entwickelt hat, konsequent auf dem aufbauen, was bisher entstanden ist. Deshalb habe ich das gute Gef├╝hl, dass wir gemeinsam an das Ende dieser gro├čen Aufgabe gelangen. Es kommt einem vor, als m├╝sste man danach in ein Vakuum fallen, eine Situation, wie man sie vielleicht zum ersten Mal kurz vor dem Abschluss des Abiturs erlebt.

    Wagner hat die Komposition der ┬╗G├Âtterd├Ąmmerung┬ź als schwierige Aufgabe empfunden. Dreizehn Jahre, nachdem er die Dichtung abgeschlossen hatte, begann er mit den ersten Kompositionsskizzen. Wir wissen, wie schwer er sich allein mit der Nornen-Szene tat. Kann man das als Musiker nachempfinden?

    Simone Young: ┬╗G├Âtterd├Ąmmerung┬ź ist wirklich ein merkw├╝rdiges Werk: Es beginnt extrem d├╝ster, und man h├Ârt schon in den ersten Akkorden, wie es enden wird. Das ist eine ungew├Âhnliche Vorwegnahme. Der zweite Akt mit Siegfrieds und Gunthers R├╝ckkehr von der Brautfahrt und der skandaltr├Ąchtigen Pr├Ąsentation Br├╝nnhildes vor dem Volk der Gibichungen hat einen sehr stringenten dramatischen Verlauf. Der dritte Akt hingegen steuert dann gleich zwei End- und H├Âhepunkte an: Siegfrieds Tod und Br├╝nnhildes Schlussgesang. Dennoch bleibt er in sich konsequent. Aus der Sicht des Dirigenten betrachtet ist der erste Akt der komplizierteste Teil. Wagner hat hier, wie ich meine, eine zweites ┬╗Rheingold┬ź komponiert. Statt zweieinhalb Stunden dauert dieser Akt zwar nur zwei Stunden, aber die Szenen sind ebenso wechselhaft in ihren Grundstimmungen und ausgesprochen dialogischer Natur. Sie enthalten fast durchweg begleitetes Rezitativ, so dass man mit jedem Detail wirklich ringen muss, ohne dabei die gro├če Linie zu verlieren. Diese besondere Form der ┬╗G├Âtterd├Ąmmerung┬ź ist die Konsequenz aus den vorangegangenen Abenden. Deshalb kann ich mir auch nicht vorstellen, dieses Werk separat aufzuf├╝hren wie das zum Beispiel mit der ┬╗Walk├╝re┬ź m├Âglich ist.

    Diese Charakterisierung des Werkes widerspricht dem h├Ąufig zitierten Urteil George Bernard Shaws, der Wagner mit der ┬╗G├Âtterd├Ąmmerung┬ź einen R├╝ckfall in die ┬╗gro├če Oper┬ź anlastete. Indiz daf├╝r seien Formen wie Ch├Âre, Duette oder Terzette, die der Musikdramatiker Wagner l├Ąngst ├╝berwunden haben wollte.

    Simone Young: Ich glaube, ein solches Urteil greift zu kurz.Verglichen mit der Dimension des gesamten Werkes sind es nur wenige Momente, in denen er Stimmen zusammenf├╝hrt: der Abschied Br├╝nnhildes und Siegfrieds am Ende des Vorspiels, die Blutsbr├╝derschaft zwischen Siegfried und Gunther, der Mannenchor oder der Dreierschwur auf Siegfrieds Tod. Alles das sind dramatische Konstellationen und keine reflektierenden Einblendungen, wie wir sie aus dem Schema der herk├Âmmlichen Oper kennen. Dass Br├╝nnhilde, Gunther und Hagen in einem Terzett den Tod Siegfrieds schw├Âren, beschreibt die momentane Schnittstelle, an der sich alle drei aus sehr unterschiedlicher Motivation heraus treffen. Die Blutsbr├╝derschaftsszene hat eine sehr plakative Musik, ├Ąhnlich wie sp├Ąter das ┬╗Hoiho┬ź, das ebenso auf die M├╝nchner Wiesn passen w├╝rde. Hier beabsichtigte Wagner eigentlich eine Entlarvung b├╝rgerlich dekadenter und militaristischer Haltungen, wie sie auch in der Welt der Gibichungen gedeihen.

    Die markanteste Gestalt der ┬╗G├Âtterd├Ąmmerung┬ź ist sicher Hagen. Keiner ist so zielgerichtet wie er, und keiner verf├╝gt ├╝ber seine Intelligenz und Skrupellosigkeit. Demzufolge beherrscht er auch musikalisch weite Teile der ┬╗G├Âtterd├Ąmmerung┬ź.

    Simone Young: Ich m├Âchte behaupten, Hagen ist der Anti-Siegfried. Generationsbezogen k├Ânnte man das bestreiten, denn Siegfried ist der Enkel Wotans und Hagen bereits der Sohn von dessen Widersacher Alberich. Dennoch ist er eindeutig Siegfrieds Gegenspieler, auch in der Musik. Er beschreibt sich zwar als ┬╗fr├╝halt, fahl und bleich┬ź, aber musikalisch gibt er sich ausgesprochen k├Ąmpferisch. Man kann Hagen keine positiven Charakterz├╝ge nachsagen, aber musikalisch ist er eine sehr virile und potente Pers├Ânlichkeit. Darin ├Ąhnelt er Siegfried quasi in Umkehrung zu dessen Gedankenlosigkeit, Unwissenheit und Torheit, um einen Begriff Wagners aufzugreifen. Siegfried ist eine Art Parsifal, nur dass er es nicht schafft, ┬╗wissend┬ź zu werden.

    Daran hindert ihn auch der Vergessenheitstrank. Wagner wollte damit seinen Helden Siegfried moralisch rehabilitieren. Dabei b├Âte das offene Gegenspiel der beiden Figuren Siegfried und Hagen eine enorme Reibungsfl├Ąche, aus der das eigentlich Spannende entsteht.

    Simone Young: Dass es nicht einfach um die Wirkung einer Droge geht, zeigt Br├╝nnhilde. Sie wei├č nichts von einem Vergessenheitstrank, aber sie erkennt sofort, dass Siegfried dem Zauber Gutrunes erlegen ist. Die englische Kom├Âdiantin Anna Russell hat es damit begr├╝ndet, dass Siegfried vor Gutrune einer Frau nur in Gestalt seiner Tante begegnet ist. Das ist Ironie. Tats├Ąchlich muss man aber fragen, ob Siegfried wirklich f├Ąhig ist zu lieben und zu begreifen, dass daf├╝r auch Vertrauen und Verantwortungsgef├╝hl notwendig ist. Siegfried bleibt bis zu seinem Tod ein naives Kind. Es fehlt ihm an Wissen, das ihm nicht anerzogen wurde und das er weder durch seine K├Ąmpfe noch durch Br├╝nnhilde oder Gutrune erlangen konnte. F├╝r ihn ist das keine Trag├Âdie, wohl aber f├╝r Br├╝nnhilde, die f├╝r ihre Liebe all ihr Wissen aufgeopfert hat. Am Ende kann sie sich nur damit tr├Âsten, dass ihr Leiden als S├╝hneakt zur Aufhebung des Fluchs und zur Rettung der Welt, also in nahezu christlichem Sinn, notwendig war.

    Wagner hat es ihr mit dem Sieglinde-Motiv aus der ┬╗Walk├╝re┬ź gedankt, das er sich f├╝r das Orchesternachspiel - quasi als einzigen Hoffnungsschimmer - aufgespart hatte.

    Simone Young: Dazu muss ich sagen, dass sich in den letzten Jahren in Bayreuth wieder die Gepflogenheit aus den 30er- und 40er- Jahren eingeschlichen hat, dieses Motiv besonders zu verkl├Ąren. Die meisten Dirigenten setzen vor seiner letzten Wiederholung nach dem gro├čen Orchesterfortissimo eine Z├Ąsur, was bedeutet: Alles ist zu Ende, und die Liebe siegt. Das w├Ąre zu einfach, und die Partitur gibt das auch nicht vor. Das Liebesthema entwickelt sich unter dem Diminuendo des Orchesters und ist fast schon zu Ende, wenn wir es zum letzten Mal bewusst h├Âren. Das ist Wagners musikalische Botschaft, die uns zu denken geben sollte.

    Wagner hat w├Ąhrend der Instrumentierung der ┬╗G├Âtterd├Ąmmerung┬ź bemerkt, er ben├Âtige eigentlich zwei Orchester und war zeitweise auch besorgt, dass er zu viele Instrumente einsetze. Wie verh├Ąlt sich das mit seiner musikalischen ├ľkonomie?

    Simone Young: Die Hornisten k├Ânnen da sicher vor allen anderen ein Klagelied singen, da sie st├Ąndig zwischen H├Ârner und Wagner-Tuben und auch in den Stimmen wechseln m├╝ssen. Aber man muss bedenken, dass ┬╗G├Âtterd├Ąmmerung┬ź die erste ┬╗Ring┬ź-Oper war, die f├╝r den Bayreuther Orchestergraben komponiert wurde. Jedes Orchester, das aus dem offenen Graben spielt, hat damit zu k├Ąmpfen. Wenn man das Blech so auffahren w├╝rde, wie es in der Notation vorgesehen ist, h├Ątte kein S├Ąnger oder Streicher eine Chance, sich dagegen zu behaupten. Im Bayreuther Orchestergraben sind die Blechbl├Ąser so tief positioniert, dass ihre Klangwucht quasi aus dem Untergrund kommt und die anderen Stimmen, besonders die S├Ąnger auf der B├╝hne, nicht ├╝bert├Ânt. Wenn man das Werk anderswo erarbeitet, verbringt man zun├Ąchst viel Zeit damit, die Balance intern im Orchester und zwischen Orchester und B├╝hne herzustellen, bevor man an die eigentliche Interpretation gehen kann. Das ist wirklich Schwerstarbeit bei diesem Werk.

    Den Titel ┬╗G├Âtterd├Ąmmerung┬ź hat Wagner erst sp├Ąter f├╝r die Dichtung gew├Ąhlt. Er liest sich als eine Metapher f├╝r einen gesellschaftlichen Zustand. K├Ânnte man diesen Titel auch musikalisch deuten?

    Simone Young: Ich w├╝rde sagen, dass die Musik der ┬╗G├Âtterd├Ąmmerung┬ź in viele graue T├Âne gef├Ąrbt ist. Sie entstehen durch das komplexe chromatische Stimmgeflecht, das an bestimmten Stellen zu einer Gratwanderung zwischen Tonalit├Ąt und Atonalit├Ąt f├╝hrt. ┬╗Siegfried┬ź ist auch schon sehr modern, aber ├Ąu├čerst klar und bestimmt in der musikalischen Geste. In der ┬╗G├Âtterd├Ąmmerung┬ź bewegen wir uns schon mit den ersten Akkorden in einer Atmosph├Ąre der Schatten, der Ahnungen, der unbestimmten Bilder. Niemand hat mehr einen klaren Blick: nicht die Nornen, deren Seil rei├čt, nicht Br├╝nnhilde, die ihr Wissen verloren hat, nicht Gunther und Gutrune, die sich auf dubiose Partnervermittlung einlassen, und selbst Hagen scheint von seiner Gier nach Macht verblendet. Erst am Schluss kommt Br├╝nnhilde die wahre Erhellung, und sie wei├č pl├Âtzlich, was sie zu tun hat.

    Diesen Schluss zu finden, war f├╝r Wagner ein langer Prozess. Er hat Br├╝nnhildes Abschiedsworte mehrfach umgedichtet und aus verschiedenen Weltsichten heraus interpretiert. Aber der eigentliche Schluss ist das gro├če Orchesternachspiel.

    Simone Young: Es ist das Res├╝mee des ganzen ┬╗Ring┬ź-Geschehens, in dem die gravierendsten Ereignisse noch einmal ganz plastisch zu h├Âren sind. Ich finde es sehr bemerkenswert, dass Wagner diesen Schluss nicht beruhigend ausklingen lassen wollte, sondern bis zum Schluss ┬╗im Zeitma├č┬ź vorschreibt. Erst auf dem letzten Akkord setzt er eine Fermate. Das hat die ungeheure Wirkung von Endlosigkeit, mit der er uns aus seinem Werk