Zur mobilen Website wechseln
Staatsoper Hamburg

Staatsoper Hamburg Keyvisual


 
Wolfgang Amadeus Mozart

Don Giovanni

Letzte Aufführung
SA, 13.10.2012 19:00 Uhr

    Staatsoper Hamburg

    Der Tod ist überall präsent

    "Don Giovanni", die 'Oper aller Opern', kehrt in einer Neuproduktion zurück

    Die Mozartopern sind Meilensteine ihrer Gattung. Orientiert man sich an der Statistik, steht »Don Giovanni« an der Spitze. Kein anderes Bühnenwerk ist zwischen seiner traditionsreichen Volkskomödie zur Entstehungszeit, seiner absoluten Verklärung in der Romantik und seiner psychologischen Brisanz heute so oft gespielt worden. Wo sehen Sie die Gründe für diese Popularität?
    Simone Young: Da gibt es verschiedene Gründe. Erst einmal ist es eine spannende Geschichte: Es handelt sich um einen Mann, dem keine Frau widerstehen kann. Mit seinem Charakter verbinden sich Sinnlichkeit, Glanz und Tem­po. Sein enormer Mut, seine Abenteuerlust sind imponierend, und er nimmt es am Ende sogar mit dem Tod auf. Diese Geschichte verbindet Mozart mit einer Musik, die man im besten Sinn des Wortes als traumhaft schön bezeichnen kann, wobei es ihm gelingt, auch noch so manchen Ohrwurm in der Partitur zu verankern.
    Für die große Popularität des »Don Giovanni« in den letz­ten 25 Jahren spielt sicher auch der Film »Amadeus« von Miloˇs Forman eine Rolle, der das Leben Mozarts aus der Sicht des Wiener Hofkomponisten Antonio Salieri er­zählt. Dort finden wir die Legende um den unbekannten Auftraggeber der Komposition des Requiems, das Gerücht um eine mögliche Vergiftung Mozarts aus Konkurrenzneid und das Geheimnis um seinen rätselhaften Tod. Aber auch theaterpraktische Erwägungen spielen für die Popularität dieser Oper eine Rolle: Die Titelfigur ist eine sehr anspruchsvolle und daher so begehrte Partie bei Sängern. Sie kann – dies geht auf die Besetzungstradition zu Mozarts Zeit zurück – von einem Bass bis zu einem hohen Bariton gesungen werden, und auch von verschieden schweren Stimmen, vom Kavaliersbariton bis zum dramatischen Bariton. Und diese Variabilität erstreckt sich auch auf andere Rollen. Das ist sehr praktikabel für jedes »Ensemble-trächtige« Opernhaus, denn sämtliche Partien können gut vom Hausensemble übernommen werden, und man braucht nur einen kleinen Chor. Das alles darf aber keinesfalls darüber hinwegtäuschen, dass »Don Giovanni« eine der schwersten Opern überhaupt ist. Es bedeutet immer eine große Herausforderung, sie musikalisch und szenisch perfekt auf die Bühne zu bringen.

    Georgi W. Tschitscherin schreibt: »›Don Giovanni‹ darf als Musterbeispiel einer echt mozartschen Komposition gelten. Die Handlung wird von der Musik getragen, ist in der Musik enthalten, nicht nur in den Finali, sondern ebenso in den Ouvertüren, den Ensemblesätzen und sogar einigen Arien«. Empfinden Sie das auch so?
    Simone Young: Ja, auf jeden Fall. Man könnte sagen, dass Drama und Musik sich gegenseitig beflügeln und vorantreiben. Ich kann mir diese Geschichte ohne Mozarts Musik schwer vorstellen. Ich mag die Bezeichnung Dramma giocoso (heiteres Drama), weil dies schon in sich einen Widerspruch trägt. Die Musik verweigert eine klare Festlegung zum Lust- oder Trauerspiel. Elemente der Seria und Buf­fa sind gleichermaßen in »Don Giovanni« enthalten, und zwar nicht abwechselnd, sondern gleichzeitig einander be­dingend und durchdringend. Vor allem die Figuren enthalten das Paradoxe, das wir in der Musik finden: Donna Anna ist eine sehr rätselhafte Figur, auf der einen Seite so leidenschaftlich, auf der anderen Seite so klassisch und kühl; Donna Elvira ist auf der einen Seite rä­chen­der Engel, auf der anderen Seite die echte Liebende in dem Stück. Zerlina ist teils unschuldiges Mädchen, teils raffinierte junge Frau und singt zusammen mit Don Giovanni eines der sinnlichsten Duette der gesamten Opernliteratur.

    Gab es Überlegungen über die Fassungsfrage? Prag oder Wien? Und bühnenpraktisch gefolgert: Oder wird ohnehin immer gemischt nach der Fähigkeit der Sänger oder Bedürfnissen der szenischen Erzählweise?
    Simone Young: Das war natürlich eine der ersten Fragen, die Doris Dörrie und ich geklärt haben. Wir haben ungefähr eine Minute gebraucht, um uns zu verständigen. Es war für uns beide hundertprozentig klar, dass es die klare strenge Prager Fassung sein soll, obwohl durch diese Entscheidung zwei wichtige Arien wegfallen, Don Ottavios »Dalla sua pace« und Elviras »Mi tradi«. Wunderbare Arien, aber sie stehen an Stellen, wo sie Schwierigkeiten schaffen, den erzählerischen Bogen zu halten.

    Doris Dörries Inszenierung beginnt in einem renaissancehaften Bild, in etwa der Ursprungszeit des »Don Juan«-Mythos. Danach wird die Geschichte in einer Art von Zeitraffer erzählt. Sind auch in der Musik diese Zeitraffer-Elemente enthalten?
    Simone Young: Ja, in gewisser Weise. Zunächst mal im Stil der Musik: Mozart schaut mit seinen Figuren abwechselnd in die Vergangenheit und in die Zukunft. Er steht mit »Don Giovanni« an einem Wendepunkt, wo er noch teilweise, besonders für Donna Elvira, richtig barockartige Arien schreibt. »Ah, fuggi il traditor« zum Beispiel klingt sehr ba­rock mit Koloraturen, punktierten gebundenen Rhyth­­­men und barocken Sequenzen. An nächster Stelle schreibt er ein höchst modernes, aus der Entstehungszeit gedachtes Duett. Auch die Konstruktionen der Rezitative und der Accompagnati sind eigentlich eher vorwärtsschauend und an gewissen Stellen dissonant. Man darf hier nicht den Fehler begehen, die Zeitspanne, die in der Musik enthalten ist, mit jener zu vergleichen, die wir auf der Bühne erleben, vom Barock ins 19. Jahrhundert bis zum heutigen Tag. Die gesamte Mu­sik stammt aus dem späten 18. Jahrhundert. Es gab im Laufe der Zeit unterschiedliche Interpretationsauffassungen, sodass wir heutzutage vielleicht mit einem ande­ren Blick auf das Werk schauen. In unserer Neuproduktion gehen wir an die Musik mit einer zur Ent­stehungszeit passenden Praxis heran. Wir verwenden Natur­trompeten und Naturposaunen. Ich werde das ganze am Hammerklavier begleiten und schreibe die Verzierungen für die Sänger selbst. Es wird also wirklich einen Klang geben, der sich eher an Mozarts Zeiten orientiert als an einem musikalischen Aufführungsstil aus der Romantik.

    Der Tod ist in dieser Aufführung auf der Bühne permanent anwesend. Wo und wie findet man den Tod in der Musik?
    Simone Young: Ab dem ersten Akkord in den Posaunen. In den extrem dunklen Orchesterfarben, in der Erscheinung des Komturs, in den Chören, die am Schluss hinter der Szene singen und eigentlich Geisterstimmen sind … Der Tod ist überall präsent. Genau genommen findet die ganze Handlung in den letzten 24 Stunden von Don Giovannis Leben statt. Wenn man es schafft, da richtig hineinzuführen, sollte man das Gefühl haben, dass die Zeit immer schneller verrinnt. Die Stunden laufen immer schneller weg. Es ist viel früher fünf vor zwölf, als wir denken.

    Welches Finale haben Sie gewählt?
    Simone Young: Die Oper endet mit dem Quintett. Es gehört stilistisch, zeitgeschichtlich gesehen, dazu. Die Moral der Geschichte muss am Schluss noch kom­men. Es ist die Zweideutigkeit, mit der Mozart so oft das Ende seiner Opern offen lässt, das lieto fine, das immer die Moral von der Geschichte und zugleich den Zweifel einschließt.

    Interview: Annedore Cordes