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Staatsoper Hamburg

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Giuseppe Verdi

Falstaff

Letzte Aufführung
SO, 4.11.2012 15:00 Uhr


Die Welt ist eine Bühne

Arturo Marellis fantasievolle "Falstaff"-Inszenierung ist wieder an der Staatsoper zu erleben.

"Tutto nel mondo è burla": "Alles auf Erden ist Spa" (und die Welt ein Irrenhaus und alle Menschen Geprellte). Diese abgeklärte Altersweisheit setzte Verdi als Schlusspunkt hinter "Falstaff" (1893), seine erste bedeutende komische Oper, und hinter sein Lebenswerk. Das Fazit aus der großartigen Schlussfuge der Oper ist gleichzeitig Referenz an Shakespeares Vorstellungen von der ganzen Welt als Bühne.
William Shakespeare wurde von Verdi zeit seines Lebens als der größte Theaterdichter bewundert, er sah ihn als "Vater" aller Belange des Theaters an, und seit dem frühen "Macbeth" strebte er nach Realismus auf der Opernbühne, der dem Shakespeare'schen Vorbild gleichkäme. In einem Brief Verdis 1876 an Clarina Maffei ist auch die Falstaff-Figur bereits erwähnt: "Wenn man die Wirklichkeit nachbildet, kann etwas recht Gutes herauskommen; aber Wirklichkeit erfinden ist besser, weit besser ... Fragen Sie unser aller Vater! Vielleicht hat er irgendwo den Falstaff gefunden, aber schwerlich einen solchen Verbrecher wie Jago und nie, niemals Engel wie Cordelia, Imogen, Desdemona. Und doch sind die so sehr wirklich."
Sir John Falstaff, Shakespeares Ritter von der fülligen Gestalt, voller Witz, Esprit und tieferer Bedeutung steht im Zentrum dieses Meisterwerks. Bevor Verdi mit der Komposition des "Falstaff" begann, hatte er sich auch mit der französischen und italienischen Komödienliteratur beschäftigt, um sie, zusammengefasst in der Figur des Falstaff, neu zu beleben. Selbst seine nähere Umgebung schien ihn zu inspirieren, denn möglicherweise verlieh Verdi der Titelfigur auch Züge des dickleibigen Impresarios Mauro Corticelli, eines geistvollen Schwerenöters, der eine Weile auf Verdis Gut Sant' Agata lebte und schließlich, wegen seines "Hangs zum Küchenpersonal", hinausgeworfen wurde. "Könnten wir doch noch einmal ad usum Corticelli so von Grund auf lachen", schrieb er, "es geht einem dann eine Woche lang gut." Bemerkenswert ist, dass Verdi seinen Titelhelden ausdrücklich nicht nur als schwadronierenden und heruntergekommenen Schürzenjäger sah, wie er in Shakespeares "Die lustigen Weiber von Windsor" dargestellt wird, sondern dass er die beiden Heinrich-Dramen hinzuzog, in denen Sir John als philosophierender Außenseiter und witziger Zechkumpan gezeigt wird, der den Kronprinzen zu wilden Ausschweifungen hinreißt. Prinz Heinz (der spätere Herrscher Heinrich V.) verstößt ihn vor Antritt seiner Thronfolge. Die Verbannung des Bruders Lustig markiert in dem Drama den Anbruch einer neuen Zeit, in der die spießbürgerliche und engstirnige Moral des Königs und der Gesellschaft die Oberhand gewinnt.
An Englands großem Dramatiker orientierte sich auch Regisseur und Bühnenbildner Marco Arturo Marelli, als er seine einfache und zugleich wirkungsvolle Bühne ganz nach Shakespeare-Manier baute: "In der theatralischen Sprache dieser Musik ist alles zum ›Klanggestus‹ gesteigert. Dies erfordert jenen klaren Darstellungsstil, der sich aus der italienischen Commedia dell' arte entwickeln lässt. Alles, was Verdi an Naturschilderungen und Elfenspuk braucht, verwendet er als Zitat, die ganze Partitur bleibt anti-veristisch, und ich sah mich deswegen gezwungen, ein Bühnenbild zu entwerfen, das auf jeglichen Naturalismus verzichtet, um das Spiel in einem nahezu leeren Raum sich entwickeln zu lassen." Marelli zeigt Windsor als eine Zweiklassengesellschaft. Oben lebt das spießige Bürgertum in einer nüchtern anmutenden Welt, und wenn sich der Bühnenboden hebt, erblickt man darunter Falstaff, wie er mit seinen Saufkumpanen die Zeit überlebt hat. Er haust in einer Lotterhöhle, prasst, philosophiert und beobachtet seine Umwelt, die ihn am Ende für ihre Selbstreflexion mehr braucht als er sie. Dementsprechend behält der skurrile Ritter in Marellis Inszenierung trotz vieler komischer Momente seine Würde, in keinem Moment gibt er ihn der Lächerlichkeit preis. Sir Johns Einfluss auf die Bürger von Windsor erscheint durchaus plausibel, wenn sie ihre Energien und ihre Lebendigkeit aus der Konfrontation mit dieser Figur beziehen.

Alan Titus als Falstaff