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Staatsoper Hamburg

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Giacomo Puccini

Manon Lescaut

Letzte Aufführung
MO, 14.01.2013 19:30 Uhr

    Staatsoper Hamburg

    Ein Albtraum der Liebessehnsucht

    Mit "Manon Lescaut" schrieb der junge Puccini sein erstes Meisterwerk.

    Nur ein Ausweg bleibt mir noch, ihr zu folgen! Und ich folge ihr, wohin sie auch geht... bis ans Ende der Welt!« Eine bedingungslose amour fou vollzieht sich in »Manon Lescaut«, dem bedeutendsten Roman des Abbé Prevost. Das kleine Büchlein von 1731 wirkte im galanten Zeitalter als merkwürdiger Fremdkörper: Warum zerfleischte sich da jemand so für die Liebe, wo doch die erotische Verfügbarkeit als Spiel, nicht als Passion galt? Umso hellhöriger reagierte das psychologische 19. und 20. Jahrhundert auf Prévosts Roman: Gleich zwei herausragende Opern (von Jules Massenet und Giacomo Puccini) konkurrierten miteinander, sechs Verfilmungen und ein Bühnenwerk von Hans Werner Henze transportierten den Rokoko-Stoff ins Heute. Die Liebesobsession des jungen Des Grieux erwies sich als moderne seelische Momentaufnahme.
    Puccini, der Frauenversteher und -verführer, zeichnete in seinem Durchbruchswerk von 1893 das Bild einer unsteten, sich vor Intensität verzehrenden Frau: »Er wollte seine Protagonistin voll glühender Leidenschaft. Eitel und gierig, ja, aber auch leidenschaftlich, im wirren Strudel, der ihren Kavalier mitreißt«, erinnerte sich Giuseppe Adami, einer der sage und schreibe acht Librettisten, die Puccini während der Komposition verschliss - inklusive seiner eigenen Mitarbeit. Doch die eigentliche Hauptfigur ist nicht die unschuldig-raffinierte Kindfrau Manon, das Luxusweib, das die Männer in den Abgrund reißt, sondern Des Grieux - ein adliger Feingeist, den die Begegnung mit der angehenden Klosterschülerin völlig aus der bislang so geordneten Bahn wirft: »Donna non vidi mai...« - »Eine solche Frau habe ich noch nie gesehen«, besingt er hymnisch seine Entdeckung, mit einer betörend intensiven Melodie, die den Gefühlslyriker Puccini bereits in schönster Ausprägung zeigt. Melodien von solch schwelgerischer Kantabilität und suggestiven Orchestrierung hatte bislang noch kein italienischer Komponist geschrieben. »Es ist die Musik unserer künstlerischen Sinnlichkeit; sie liebkost und durchdringt uns«, begeisterte sich der »Corriere della sera« in seiner Kritik zur Turiner Uraufführung.
    Der junge Puccini wusste siegessicher um den neuartigen Reiz seiner Vertonung, die es immerhin mit dem damals sehr viel berühmteren Massenet aufnahm: »Massenet fühlt das Stück als Franzose, mit der Atmosphäre von Puder und Menuetten. Ich werde es als Italiener fühlen, mit der Leidenschaft der Verzweiflung.« Ein selbstbewusster Ausspruch, den sein erster deutscher Biograph Richard Specht noch mit dem Aperçu steigerte, dass in Puccinis Musik eben »Blut und nicht wie bei Massenet Limonade« fließe.
    Es scheint Liebe auf den ersten Blick zu sein, die zwischen Des Grieux und Manon einschlägt. Doch Manon zieht nach kurzer Zeit den Reichtum vor und verlässt den armen Des Grieux für den wohlhabenden Geronte. Wie ihr spielsüchtiger Bruder Lescaut ist auch Manon dem Reiz des Geldes verfallen. Als Des Grieux sie wieder einmal beschwört, mit ihr gemeinsam zu leben, rafft sie im Haus Gerontes in aller Eile ihre Juwelen zusammen und braucht doch zu lange: Geronte kehrt zurück und lässt sie wegen Diebstahls verhaften. Des Grieux folgt ihr in die Deportation - eine hoffnungslose Wüste tut sich vor dem Paar auf. Manon stirbt, Des Grieux steht vor den Trümmern seiner Idolisierung.
    Die Hamburger Neuinszenierung verstärkt jene Konzeption Puccinis, Des Grieux’ Passion zum eigentlichen Dreh- und Angelpunkt der Oper zu erheben. Schon im Roman von Prevost ist Des Grieux die Zentralfigur: sowohl als Erzähler wie als Agierender. Die Gefühlswelten dieses kompromisslos Liebenden lotet Pucci­nis Musik in einem Wechselbad aus Ekstase, Selbst­demütigung und Verzweiflung aus. Der vielgefragte Regisseur Philipp Himmelmann inszeniert erstmals in der Staatsoper, sein Bühnenbildner Johannes Leiacker ist hier mit zahlreichen Arbeiten, zuletzt mit seiner spektakulären »Aida«-Szenerie, in bester Erinnerung. Gemeinsam mit Kostümbildnerin Gesine Völlm, die unter anderem für den aktuellen Bayreuther »Parsifal« verantwortlich zeichnete, werden sie einen Albtraum der Liebessehnsucht erzählen: »Des Grieux gibt alles um dieser Obsession willen auf. Wir zeigen das ganze Stück radikal aus seiner Perspektive«, sagt Philipp Himmelmann. »Je tiefer er sich in seine Psychose verstrickt, umso mehr wird er auf sich selbst zurückgeworfen. Seine fortschreitende Vereinamung kontrastiert mit der voyeuristischen Amüsiersucht einer Gesellschaft, die ihm Manon als Objekt in schillernder Ambivalenz aus Habgier und Leidenschaft zuführt. Des Grieux' Selbstbespiegelung endet in totaler Isolation.«
    Die Grenze zwischen Wahn und Wirklichkeit will Philipp Himmelmann bewusst in der Schwebe lassen: »Stirbt Manon wirklich? Ist sie Des Grieux' Wunschtraum entsprungen? Wird sie von einer grotesken Clique als Fantasmagorie eingesetzt, um ihn in den Abgrund zu stürzen? Diese Fragen interessieren mich viel mehr als das Bild von 'Hure und Heiliger', femme fatale und was dergleichen Klischees um das 'Luxusgeschöpf' Manon mehr sind«, erzählt der Regisseur.

    Zur Hamburger Bühne hat »Manon Lescaut« eine ganz besondere Beziehung - den am 7. November 1893 fand hier die Deutsche Erstaufführung in Anwesenheit Puccinis statt. Der glänzende Erfolg der erst wenige Monate zuvor erfolgten Uraufführung mochte sich zwar nicht einstellen. Nach nur fünf Aufführungen verschwand die Novität wieder vom Hamburger Spielplan. Doch zum Jubiläum »333 Jahre Oper in Hamburg« ist es nur folgerichtig, dass an diese wichtige Deutsche Puccini-Erstaufführung an der Alster erinnert wird.
    »Manon Lescaut« war allerdings nicht das erste Stück aus Puccinis Feder, das dem deutschen Publikum in Hamburg vorgestellt wurde: 1892 gab es hier bereits »Le Villi«. Gegenüber diesem Vorgängerwerk hat »Manon Lescaut« aber einen deutlichen Gewinn an Raffinesse zu verbuchen. Zu der expressiven Kantabilität mischt sich in den emotionsgeladenen Duetten und dem berühmten Intermezzo sinfonico ein guter Schuss »Tristan«-getränkter Melancholie. In keiner anderen Partitur folgt Puccini so fasziniert den todestrunkenen Wagner'schen Harmonien wie in »Manon Lescaut«. Dass er als Einziger seiner Generation über die entsprechenden handwerklichen Mittel verfügte, wusste schon der greise Giuseppe Verdi, der dem jungen Kollegen attestierte: »Er ist ein Meister der Orchestersprache.«
    Kerstin Schüssler-Bach