Frauen an den Grenzlinien der Liebe
Zwei atemberaubende Schwergewichte des modernen Musiktheaters flankieren ein Auftragswerk der Hamburgischen Staatsoper: Oscar Strasnoys "Le Bal" nach Irène Némirovsky komplettiert Werke von Schönberg und Rihm zu einer eigenwil
Drei Frauen, drei Extremzustände an den Grenzlinien der Liebe. An verschiedenen Fäden hängen die Stücke dieses herausfordernden Abends zusammen. Wolfgang Rihms 2005 uraufgeführte Oper »Das Gehege« ist deutliches Echo eines Klassikers der Moderne: Arnold Schönbergs »Erwartung«. Beide Halbstünder sind Monologe stimmliche und psychische Parforceritte für Sopranistinnen. Schonungslose Seelenerkundungen, deren nervöse Fieberkurven in unerhörte Musik gezwungen werden. Schönbergs genialem Monodram von 1909 ist in seiner überhitzten Hysterie der Freudsche Dunstkreis deutlich anzumerken: in albtraumhaften Sequenzen bricht sich das Un- und Unterbewusste Bahn. Fast als psychoanalytische Fallstudie erscheinen die Ängste einer Frau vertont, die vergeblich ihren Geliebten sucht. Er ist tot sie möglicherweise seine eigenhändige Mörderin. Das spätromantisch-riesenhaft besetzte Orchester kommentiert ihre Suche in allen Phasen von Euphorie bis Depression: Was sich »in einer Sekunde höchster seelischer Erregung abspielt« hat Schönberg nach eigenem Bekunden »mit der Zeitlupe auf eine halbe Stunde ausgedehnt«. Schönberg lässt die Frage nach tatsächlicher Schuld ebenso offen wie die Ausführung des Mordes. Scheinbar eindeutiger verfährt Wolfgang Rihm, der längst zu den meistgespielten Opernkomponisten der Gegenwart gehört und auch in Hamburg etwa mit der Uraufführung von »Jakob Lenz« und »Die Eroberung von Mexiko« wichtige Erfolge feierte. Seine Protagonistin in »Das Gehege« begeht einen eigenartigen Mord: Ihr Versuch, einen Adler aus dem Käfig zu befreien, endet in einem Blutrausch. Für sein Monodram griff Rihm auf die letzte Szene aus Botho Strauß Wendedrama »Schlusschor« zurück. Der Komponist streicht aus Strauß Schauspiel die exakte historische Verortung am Tag des Mauerfalls heraus und öffnet der überzeitlichen Parabel damit noch weitere Horizonte. Der Beziehungsmord aus Frustration gerät zur spektakulären Allegorie der Adler als mythologische Figur und nicht zuletzt als deutsches Wappentier ist schließlich weit mehr als bloß ein großer Vogel hinter Gittern. Botho Strauß komplexer Text wurde von Rihm in eine trotz der üppigen Orchestration sehr fein ausgehörte, sensibel reagierende Partitur gefasst: ein würdiges Gegenstück zu Schönbergs expressionistischem Meilenstein. Simone Young entschied sich, dem »Gehege« noch ein von Rihm erst kürzlich komponiertes Orchesternachspiel anzufügen und die Erschütterungen des Werks in einem berührenden instrumentalen Trauergesang nach- und ausklingen zu lassen. Wolfgang Rihms und Botho Strauß Frauenfigur arbeitet sich nicht nur an einem persönlichen, sondern auch an einem historischen Trauma ab: zahlreich sind die Spuren zum unauslöschlichen Stigma der NS-Zeit gelegt. Damit ergibt sich eine weitere Verbindung zum Mittelstück der Trilogie: denn »Le Bal« geht zurück auf einen Roman von Irène Némirovsky, die 1942 in Auschwitz starb. Die Wiederentdeckung der jüdisch-ukrainischen Autorin fördert seit etwa fünf Jahren immer neue literarische Fundstücke zutage. Némirovsky war als Star der Pariser Literaturszene der Zwanziger Jahre eine einfühlsame Chronistin des untergegangenen großbourgeoisen Milieus zwischen den Weltkriegen. In »Le Bal« (»Der Ball«) beschreibt sie einen Teil ihrer eigenen Geschichte: das Aufbegehren gegen die dominante Mutter und den tagtäglichen Kampf um deren Zuneigung. Doch anders als »Das Gehege« und »Erwartung« ist dieser Liebesentzug nicht in die Schwärze des beklemmenden Psychogramms gehüllt, sondern kommt als »leichte Tragödie« mit französischer Delikatesse daher. Die junge Antoinette probt den Aufstand und sinnt auf subtile Rache bei der mütterlichen Rivalin: Die Einladungen zum großen Ball der Eltern, von dem die Tochter ausgesperrt bleibt, landen nicht im Briefkasten, sondern werden von ihr aus Pubertätskummer in der Seine entsorgt. Nichtsahnend erwartet die Mutter Rosine ihre Gäste. Doch niemand kommt. Der glänzend geplante Ball gerät zur blamablen Farce ... Bewusst entschied sich Simone Young für einen funkelnd geschliffenen Kontrast zu den beiden deutschen Schwergewichten »Erwartung« und »Das
Gehege«: »Le Bal« soll ein rasantes, bitterböses Konversationsstück werden. Und eine ausgesprochene Ensembleoper mit vielen Parlando-Passagen. In dem jungen Argentinier und Wahlfranzosen Oscar Strasnoy fand sie den Komponisten fürs Auftragswerk. »Strasnoy hat zwei unabdingbare Voraussetzungen für einen
Opernkomponisten: perfektes Timing und Liebe zur menschlichen Stimme«, so Simone Young. Der junge Argentinier sieht sich ungefähr auf den Spuren seines Landsmanns Mauricio Kagel, dem Meister des absurden instrumentalen Theaters. »Kagels allumfassender Vision von Kunst und seiner Theatralität fühle ich mich nahe«, bekennt Strasnoy. »Dennoch setzt meine Musik ganz andere Akzente. Mich interessiert etwa die Metamorphose der europäischen Operette. Witold Gombrowicz hat ja die Operette als vollkommen theatralisches Theater bezeichnet. Ich habe selbst osteuropäische Wurzeln, vielleicht bin ich dieser Traditionslinie daher intuitiv verbunden. Für mich ist Komponieren ein anderer Weg, Theaterstücke zu schreiben.« Auf dem renommierten Eclat Festival in Stuttgart sorgte Strasnoy bereits 2008 für Furore, zur Zeit arbeitet er an einer Oper für das Festival Aix-en-Provence sowie gemeinsam mit Hans Magnus Enzensberger an einem Stück für die Fassbinder-Muse Ingrid Caven. Die Frauen in Rihms und Schönbergs Einaktern töten, was sie lieben. Soweit kommt es in »Le Bal« nicht. Doch die Enttäuschungen sind folgenreich. Der kanadische Regisseur Matthew Jocelyn und sein französischer Ausstatter Alain Lagarde haben die Einheit der Trilogie im Blick, ohne die Selbstständigkeit der Stücke aus den Augen zu verlieren. Matthew Jocelyn erklärt: »Der symmetrische Aufbau der Trilogie ist natürlich ein stabiler Rahmen: In Erwartung flüchtet die Frau in den Wald, in Das Gehege bleibt sie allein zurück und träumt sich in einen imaginären Schutzraum und das ist mit den letzten Worten des verrätselten Textes der Wald. Ein seit der deutschen Romantik mit vielen Bedeutungsebenen aufgeladener Ort. Botho Strauß hat diesen Monolog, wie er selbst sagt, nach dem Modell von Schönbergs Erwartung geformt. Rihm hat das selbstverständlich gewusst. Und obwohl Das Gehege bereits mehrfach aufgeführt wurde, ist es noch nie mit seinem eigentlichen Gegenstück Erwartung gekoppelt worden. Er wird sehr spannend sein, diese Bezüge nun erstmals aufzuzeigen.« In allen drei Stücken, meint Jocelyn, reagiert die Protagonistin auf einen
Liebesentzug: In »Erwartung« wendet sich der Geliebte einer anderen Frau zu, Antoinette leidet an der Nichtanerkennung der Mutter, die Frau in »Das Gehege« verzweifelt am Gleichmut des Adlers und provoziert ihn. »Im Opfergang«, so Jocelyn weiter, »beginnen sich Jäger und Beute einander
anzugleichen: Das doppelte Spiel der Frau in Erwartung ähnelt dem ihres Liebhabers. Rosines Tochter Antoinette zeigt sich so hartherzig wie ihre Mutter. Und die Frau in Das Gehege vernichtet mit dem Adler einen Teil ihrer Identität. Alle drei überschreiten die Grenze zum Verbotenen Raum: Sie halten sich dort auf, wo sie nicht sein dürften.« Die »Situation des Eingeschlossenseins« wird für das Bühnenbild des Franzosen Alain Lagarde daher ein wichtiger Referenzpunkt sein allerdings in unterschiedlichen Stadien. »In Le Bal hat uns das Kinderzimmer als Puppenheim
interessiert: Antoinette wird ja trotz ihrer Pubertät als Kind behandelt, weil ihre Mutter sie als Konkurrenz fürchtet und daher praktisch wegsperrt. Die familiäre Situation hat aber durchaus auch ihre komischen Momente. Es wird gewiss nicht alles rabenschwarz an diesem Abend ...«, verrät Alain Lagarde.
Für das Große Haus der Staatsoper ist »Le Bal« die erste Uraufführung seit Helmut Lachenmanns »Das Mädchen mit den Schwefelhölzern«, das 1997 die Ära von Peter Ruzicka und Gerd Albrecht beendete. »Die Staatsoper hat viele Anstöße zur Moderne gegeben, Opern von Henze, Schnittke, Kagel oder eben auch Rihm sind hier uraufgeführt worden. Wir sind sehr dankbar, dass uns die Stiftung zur Förderung der Hamburgischen Staatsoper in dieser Linie auch weiterhin unterstützt«, sagt Simone Young als Intendantin. Und als Dirigentin sieht sie die besondere Aufgabe auch als kreative Chance: »Nur bei einer Uraufführung hat man als künstlerische Leitung die Chance, auf das musikalische Material produktiven Einfluss zu nehmen«, unterstreicht Simone Young. »Ich kann den Komponisten dabei begleiten, eine Partie auf den stimmlichen und persönlichen Charakter eines Sängers maßzuschneidern. Le Bal soll eine echte Ensembleoper werden, geschrieben für ganz bestimmte Sängerinnen und Sänger, die bei uns engagiert sind das macht die spezielle Magie dieser Uraufführung aus.« Seitdem im März 2008 der Auftrag an Oscar Strasnoy erging, steht er in engem Kontakt mit der musikalischen und künstlerischen Leitung des Hauses. Dass ihm der Regisseur Matthew Jocelyn Wahlfranzose wie Strasnoy bereits als Librettist von Anfang an zur Seite steht, empfindet der junge Komponist als besonderen Glücksfall. Die Vorlage von Irène Némirovsky hat er sich selbst
ausgesucht: »Simone Young wollte für ihre Trilogie eine weitere Oper mit mindestens vier Frauenpartien«, lacht Strasnoy, »es war also auch ein pragmatischer Grund. Aber ich hoffe, als Kontrast und gleichzeitig variierende Vertiefung zu den großartigen Rahmenstücken von Rihm und Schönberg wird Le Bal gut funktionieren.« Während für »Erwartung« die große Deborah Polaski, zuletzt als Brünnhilde in »Die Walküre« gefeiert, auf Hamburgs Opernbühne zurückkehren wird, setzt Simone Young ansonsten mehrheitlich auf ihr Ensemble. »Wir haben so wunderbare Persönlichkeiten in unserem Hausensemble. Hellen Kwon wird ihre Erfahrung mit zeitgenössischer Musik in »Das Gehege« einbringen. Und in Le Bal soll sich die Spielfreude und der Farbenreichtum von Künstlern, die dem Haus eng verbunden sind wie Peter Galliard, Miriam Gordon-Stewart, Trine W. Lund, Moritz Gogg und Ann-Beth Solvang voll entfalten dürfen.« Uraufführungen sind immer ein besonderer Belastungstest für ein Haus. Aber, wie heißt es in einem englischen Sprichwort: »No risk, no fun!«