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Staatsoper Hamburg

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Aribert Reimann

Black Box 20_21: I am your opus

Letzte Aufführung
SO, 2.12.2012 20:00 Uhr


Ihren eigenen Tod überlebt

Spannungsverhältnisse: die Lyrik von Sylvia Plath und die Musik von Aribert Reimann

Als sich Sylvia Plath am 11. Februar 1963 mit dreißig Jahren das Leben nahm, wurde ihr Mythos geboren. »In nur zehn vorwärtsgetriebenen Jahren wurde sie zur besten - aufregendsten, rücksichts-
losesten - Dichterin ihrer Generation«, urteilte John Updike. Doch erst posthum entwickelte sich Sylvia Plath zur Ikone der literarischen Moderne. Ihre zornigen, radikalen Gedichte, zu Lebzeiten größtenteils unveröffentlicht, trafen das Lebensgefühl der sechziger und siebziger Jahre.
Sylvia Plaths gefährdete Psyche taumelte in mehrfachen Selbstmordversuchen am Abgrund. Als die Amerikanerin 1956 den englischen Dichter Ted Hughes kennenlernte, schien sich ihre Situation zu stabilisieren. Hughes – so sah es zunächst aus – war nicht nur ihre große Liebe, sondern auch ihr bester Kritiker. Im Austausch mit ihm gewann ihre eigene literarische Stimme noch schärfere Kontur; enthusiastisch feierte Plath ihr neues Leben als »einzigen Gesang der Bejahung und Liebe, da ich auf der anderen Seite des Lebens war wie Lazarus«.
Doch Plaths Auferweckung war von kurzer Dauer. Eifersucht und Rivalität zerstörten diese Beziehung, in der sich die Gleichberechtigung zweier freier Geister letztlich als utopisch erwies. Hughes’ Untreue und Plaths Depressionen führten zur Katastrophe ihres Selbstmords. 25 Jahre lang schwieg Ted Hughes über dieses Ende seiner Ehe. Erst kurz vor seinem eigenen Tod veröffentlichte er etliche an Sylvia Plath adressierte Gedichte als literarische Trauerarbeit voller Zärtlichkeit und Ohnmacht – Botschaften ohne Antworten.
Dass Plath mit ihrem Suizid zugleich den Grundstein zu ihrer eigenen Legende legte, scheint sie vorausgeahnt zu haben. Und so wohnt ihrer Selbstbespiegelung als Lady Lazarus neben aller Verwundbarkeit auch die Perspektive der Unsterblichkeit inne: »Dying is an art like everything else. I do it exceptionally well«, heißt es in dem gleichnamigen Gedicht »Lady Lazarus«. Das gleichermaßen verstörende wie ironische Poem bildet den Ausgangspunkt für das neue Projekt in der Opera stabile: »I am your opus« – auch dies ein Zitat aus »Lady Lazarus«.
»Black Box 20_21«: Die Black box der Opera stabile wird zum Experimentierfeld für eine innovative Form, in der sich Texte und Kompositionen aus dem 20. und 21. Jahrhundert gleichberechtigt ergänzen und aufeinander wirken. In dieser Reihe macht »I am your opus« den Auftakt. Nach dem überwältigenden Erfolg von Aribert Reimanns »Lear« in der vergangenen Spielzeit ist nun sein starkes Gespür für eindringliche vokale Szenen erneut zu erleben. In enger Zusammenarbeit mit Reimann entstand eine szenische Collage aus zweien seiner Kompositionen, die durch Texte des Liebespaares Sylvia Plath und Ted Hughes aufgebrochen werden und so eine neue interpretative Richtung gewinnen. »Lady Lazarus« schrieb Reimann 1992 als Szene für Sopran solo, in der sich Sylvia Plaths Verse noch einmal wie in einem Brennglas bündeln und intensivieren. Eine expressive Tour de force – und nicht zuletzt eine hochvirtuose gesangliche Herausforderung! Auf diese herausgeschleuderte Todessehnsucht reagiert Reimanns zweite Kompositon: »Unrevealed« auf Texte des englischen Roman- tikers Lord Byron, entstanden zwei Jahre nach dem »Lear«. Das viersätzige Werk für Bariton und Streichquartett, das wie »Lear« auch von Fischer-Dieskau interpretiert wurde, ist die introspektive Betrachtung der unmöglichen Liebe zwischen Lord Byron und seiner Halbschwester, vor allem aber ein Reflex der Wechselwirkung von Kunst und Realität, von vitaler Obsession und Überhöhung in der Dichtung, von Erleben und Nachschöpfen, von Leben und Legende. So fügen sich beide Stücke unter das Thema »I am your opus«.
Hayoung Lee, die »Lady Lazarus« singen wird, hat als Cordelia in »Lear« bereits Erfahrung mit Reimanns Musik sammeln können. Dennoch gibt es Unterschiede: »Cordelia hat wunderbare legato-Bögen, selbst in Extremsituationen, und sie macht das ganze Stück hin- durch eine Entwicklung«, meint die koreanische Sopranistin. »Aber in ›Lady Lazarus‹ ist die Figur schon am Anfang aus der Realität ausgestiegen und wiederholt bestimmte Bilder in psychischer Obsession.« Ihre Musik ist nur für Stimme allein geschrieben - ganz ohne Begleitung. »Eine seltene Chance, dass sich der Sänger soviel Zeit nehmen kann, wie er es als richtig empfindet«, freut sich Hayoung Lee. »Dieses Stück erlaubt jede mögliche Nuance. Impressionismus mit Worten – brillant!«
Auch Viktor Rud blickt dem neuen Projekt, das in seiner offenen Form den Sängern noch einmal andere Facetten abverlangt, gespannt entgegen: »So wie die beiden Stücke jetzt aufeinander bezogen sind, hat sich eine sehr innovative Architektur ergeben. Aus Eins plus Eins wird hier Drei«, findet der ukrainische Bariton. »Die Sprache von Lord Byron ist hochpoetisch, und Reimann hat das völlig organisch umgesetzt. Seine Musik ist wunderbar für die Stimme geschrieben. Die Notation scheint zunächst kompliziert, aber man muss die Technik ganz in den Dienst des Ausdrucks stellen, dann ergibt sich alles ganz selbstverständlich. Bildlich gesprochen: Die Halbtöne werden zu Zwischentönen in der Farbe und Textausdeutung.«
Regisseurin Petra Müller, die in der Opera stabile bereits unter anderem Werke von Thomas Adès, HK Gruber, Christian Jost und John Tavener inszenierte, nimmt das dramaturgische Konzept von »I am your opus« als Herausforderung an: »Natürlich habe ich mich in der Vorbereitung sehr viel mit der Lebensgeschichte von Sylvia Plath beschäftigt, denn in ihren Texten liegt ja auch ein starkes autobiographisches Moment. Aber ich werde mich nicht an einzelnen Stationen ihrer Vita abarbeiten. Es geht mir um Atmosphären, um seelische Zustände.« Das wollen auch die eingestreuten Textfragmente aus Sylvia Plaths Roman »The Bell Jar« (»Die Glasglocke«), aus ihrer Gedichtsammlung »Ariel« und aus Ted Hughes' »Birthday Letters« vermitteln, die von den Schauspielern Birte Leest und Martin Timmy Haberger übernommen werden. Petra Müller, die seit 1998 als Spielleiterin an der Staatsoper engagiert ist, ergänzt: »Diese Frau hat ihren eigenen Tod überlebt. Einmal ganz wörtlich, indem sie sich nach einem Selbstmordversuch wie Lazarus von den Toten auferstanden fühlte. Dann aber vor allem in einem übertragenen Sinne, denn obwohl sie sehr ehrgeizig war, schuf paradoxerweise erst ihr Tod die Voraussetzungen für ihre Anerkennung als eine der größten Lyrikerinnen englischer Sprache.«
Unter der schillernden Oberfläche war Sylvia Plath eine extrem widersprüchliche Persönlichkeit, die in der rigiden Gesellschaft der fünfziger Jahre zwischen Anpassung und Ausbruch aus den Konventionen pendelte. Petra Müller: »Nach und nach hat sie alle, die sie liebte und von denen sie geliebt wurde, von sich abgestoßen. In der Psychiatrie wurde sie mit Elektroschocks 'behandelt', und dieses Trauma hat sie trotz aller künstlerischen Bewältigungsversuche nicht überwunden. Ihre Ängste mündeten in ein radikales Besitzdenken, an dem auch ihre reale Beziehung zerbrach.«
Für solche grenzgängerischen Erfahrungen erscheint der intime Raum der Opera stabile wie geschaffen. Aribert Reimanns Musik ist in ihrer suggestiven klanglichen Verdichtung ein großartiger Katalysator für seelische Extreme. Der englische Dirigent und Pianist Samuel Hogarth ist seit 2011 an der Staatsoper tätig und übernimmt die musikalische Leitung: »Diese Stücke sind voller komplexer und differenzierter Emotionen«, sagt Samuel Hogarth. »Es gibt Feinheiten in jeder Phrase, die um Hoffnung, Trost, Selbstbestimmung und Verantwortung kreisen. Die Herausforderung ist es, all das durch unsere Interpretation deutlich zu machen. Aber wenn man eine absolut klare Vorstellung über die Bedeutung jeder Phrase hat, wird der Ausdruck auf einmal ganz natürlich. Wenn wir Mozart aufführen, verstehen wir das ganz intuitiv, und bei Neuer Musik scheinen wir es manchmal zu vergessen. Aber bei großer Musik muss man eigentlich gar nichts anderes machen, egal ob Mozart oder Reimann.«
Zur Premiere wird auch der Komponist anreisen. Nach seinem großen Lob für die Hamburger »Lear«-Produktion weiß Aribert Reimann sein Werk hier in den besten Händen. Dass mit »I am your opus« nun ein »neues« Stück von ihm entsteht, verfolgt er mit großem Interesse: »Durch diese Collage aus meinen Kompositionen und den Textfragmenten sind neue Möglichkeiten entstanden, diese Werke in das Musiktheater einzubeziehen«, so Reimann. »'Lady Lazarus' ist von mir ja schon sehr theatralisch gedacht, 'Unrevealed' ist eigentlich ein Konzertstück. Aber so, wie es jetzt aufgeteilt ist, hat es eine theatralische Funktion. Ich finde das ein sehr spannendes Experiment, auf das ich mich ganz besonders freue.«
Kerstin Schüssler-Bach

Fotos: © Bernd Uhlig