Barocke Macht- und Ehrenkämpfe
Telemanns 'Flavius Bertaridus' ist ein Juwel der Hamburger Gänsemarktoper
Er war ein echtes Universalgenie: Dirigent, Komponist, Impresario, Librettist und Pädagoge. Er schrieb Opern und Passionen, Gedichte und Kapitänsmusiken, züchtete Tulpen und korrespondierte mit Gelehrten in ganz Europa. Georg Philipp Telemann war im 18. Jahrhundert ein Superstar, berühmter als Bach, umworben von Paris und St. Petersburg. Aber Telemann, der gebürtige Magdeburger, blieb über 40 Jahre lang ein treuer Wahl-Hamburger. Zwischen Alster und Elbe machte er sich mit unendlichem Fleiß um das musikalische Wohl Hammonias verdient. Die Stadt hat es ihm lange schlecht gedankt und weder sein Andenken noch seine Werke besonders gepflegt.
Auf der Hamburger Opernbühne war, mit Ausnahme von »Pimpinone« in der Opera stabile, seit 1736! kein Werk von Telemann mehr zu sehen. Zum Jubiläum »333 Jahre Oper in Hamburg« zieht nun seine einzige Opera seria ein: »Flavius Bertaridus, König der Langobarden« ist ein Meisterwerk des barocken Musiktheaters. Uraufgeführt wurde das Herrscherdrama 1729 an der Hamburger Gänsemarkt-Oper. »Eine sehr schöne, wohlelaborierte neue Opera« werde dem Publikum geboten, hieß es damals in einer Anzeige. Liebesleid und Machtkämpfe standen im Zentrum der spannenden Geschichte - und natürlich das unvermeidliche Happy End. Telemann verzichtete hier ganz auf die beliebten volkstümlich-komischen Figuren. Dennoch geht es im Macht- und Ehekampf nicht ohne skurrile Turbulenzen und Verwicklungen ab ...
Die Gänsemarktbühne war ein bürgerliches Opernhaus, und die republikanischen Programmmacher liebten es, den Adligen im Publikum einen entsprechenden Spiegel vorzuhalten. Und so verkörpert die Titelfigur Flavius Bertaridus alle vorbildlichen Tugenden des Regenten: Mut, Treue, Verlässlichkeit und Disziplin. Ihm gegenüber steht der Diktator Grimoaldus, der alle Negativseiten für sich verbucht: Grausamkeit und Willkür, Wollust und Unmäßigkeit. Wer im vernunftbetonten Hamburg obsiegt, liegt da auf der Hand. Und dass die Bürger sich auch gerne selbst auf der Bühne wiedererkennen wollten, wird durch die verhältnismäßig vielen Chöre der »Flavius«-Partitur klar: Volkes Stimme wollte eben gerne mitsingen, wenn es um Machtverteilung ging.
Flavius und sein Widersacher Grimoaldus sind aber nicht nur Rivalen um den Thron, sondern auch in der Liebe. Zudem sind sie verschwägert - denn Grimoaldus hat Flavia, die Schwester des Flavius Bertaridus geheiratet, um seine unrechtmäßige Herrschaft zu festigen. Zehn Jahre dauert diese Vernunftehe nun schon an, zehn Jahre, in denen Flavius im Exil lebt. Nun entschließt er sich, in seine Heimat zurückzukehren. Nicht zuletzt, weil er Sehnsucht nach seiner Frau Rodelinda und dem gemeinsamen Sohn Cunibert hat. Flavius kommt inkognito zurück - doch seine Frau erkennt ihn nicht. Die Verwicklungen spitzen sich zu, als sich der Wüstling Grimoaldus in Rodelinda verguckt. Doch die weiß sich zu wehren ...
Die andere starke Frauenfigur ist Flavia, die unglückliche Frau des Tyrannen. Sie wurde bei der Uraufführung vom Star des Hamburger Ensembles gesungen: Margaretha Susanna Kayser war Sopranistin und gleichzeitig Intendantin des Hauses. Eine echte Primadonnenrolle also! Doch sie hat nicht nur virtuose Koloraturarien zu singen, sondern verströmt auch betörend sinnliche Momente. Wie überhaupt in den lyrischen Stellen der »Flavius«-Partitur ein ganz eigener Ton und Zauber liegt: das Zeitalter der Empfindsamkeit kündigt sich bereits an.
Die Farb- und Stilvielfalt von Telemanns Oper ist eine wahre Entdeckung. Simone Young, die als Intendantin die dramaturgische Ausgrabung eines Gänsemarkt-Schatzes angeregt hat, freut sich, einen erfahrenen Kollegen für dieses Stück gewonnen zu haben: »Alessandro De Marchi ist auf dem Gebiet der Barockoper ein weltweit gesuchter Experte. Er verfügt nicht nur über eine ungeheure stilistische Kenntnis, sondern auch über den Mut, das theoretische Wissen in eine temperamentvolle Bühnen- und Orchestersprache umzusetzen. Das hat ebensoviel Swing wie Charme! Und daher liebt unser Orchester die Zusammenarbeit mit ihm.«
An der Dammtorstraße war De Marchi bereits für Opern von Monteverdi, Händel, Gluck und zuletzt Rossini zu Gast. Als Künstlerischer Leiter der renommierten Innsbrucker Festwochen der Alten Musik hat er den Hamburger »Flavius Bertaridus« für sein Festival als Koproduktion übernommen und im August herausgebracht. Publikum und Kritiker waren begeistert: »De Marchi hat eine Fassung erstellt, die einem Telemann neu zeigt und dabei enorm fasziniert. Regisseur Jens-Daniel Herzog wartet mit einer schier unglaublichen Fülle von Regieeinfällen zwischen Todernst und beißender Ironie auf. Vor allem aber ist zu spüren, wie gut das Team De Marchi-Herzog funktioniert hat. Der Dirigent geht inspiriert auf das Theater ein. Umgekehrt reagiert Herzog mit einem fabelhaften Timing auf die Musik. »Ein Glücksfall also« (Neue Züricher Zeitung). »Grandios«, lobte die FAZ: »eine kapitale Wiederentdeckung«.
Auf Alessandro De Marchi wartete viel Arbeit: »Die Partitur, so wie sie heute überliefert ist, müssen wir als Skizze verstehen«, erklärt der römische Dirigent. »Der Urtext ist nur der Anfang, man muss Farben und Leben dazu geben.« De Marchi zeigte sich besonders inspiriert von der nachweisbar großen Orchesterbesetzung der Gänsemarkt-Oper: »Es gab nur relativ wenige Streicher, aber praktisch alles an Holz- und Blechbläserfarben. Ich habe mich entschlossen, diesen Reichtum voll auszuschöpfen.« Zwischen Blockflöten und Trompeten wartet das Instrumentarium also mit manchen Überraschungen auf. »Telemann schreibt in einem Brief, er wäre dann zufrieden, wenn der Klang rund und voll ist - das gilt auch für mich«, meint De Marchi. Eine andere Besonderheit von Telemanns Oper ist der »vermischte Geschmack«: Elegant und kosmopolitisch vermengt er französischen, deutschen und italienischen Stil - Hamburg war auch musikalisch damals das »Tor zur Welt«. So kommt es ebenfalls zum unterhaltsamen Sprachenmischmasch des Librettos in Italienisch und Deutsch.
Die rationalen Hanseaten liebten allerdings eine barocke Spezialität nicht besonders: die Kastraten. Schon 1729 wurde der Flavius von einer Mezzosopranistin gesungen - Gelegenheit in 2011, den Hamburger Publikumsliebling Maite Beaumont wiederzuhören. Die spanische Sängerin ist auf Händel spezialisiert - die Begegnung mit Telemann hat auch ihr eine neue Sicht auf den immer noch unterschätzten Komponisten eröffnet: »Zuerst war das ständige Wechseln zwischen Italienisch und Deutsch natürlich eine ungewohnte Herausforderung. Und wie in jeder Barockoper gibt es solche und solche Arien - aber ich muss sagen, Telemann hat mich überaus positiv überrascht!«, sagt Maite Beaumont. »Bei meiner Figur mag ich besonders, dass sie hilft, alles wieder in Ordnung zu bringen«, ergänzt die Mezzosopranistin, die das Hamburger Publikum zuletzt als Cenerentola begeisterte.
Politische Karriere und privates Empfinden
Für Telemanns Zeitgenossen war klar, dass der Stoff des »Flavius Bertaridus« zwar aus dem 8. Jahrhundert stammt, aber die Gegenwart meinte. Das Schicksal des Langobarden-Königs sollte als Vorbild und Muster dienen: Mut und Familiensinn gewinnt gegenüber Tyrannei und Betrug. Regisseur Jens-Daniel Herzog schält daraus eine Polit-Parabel mit vielen Assoziationen zum Heute: »Das Prinzip der Vernunft siegt über das Prinzip der Lust. Das ist absolut zeitlos«, meint Herzog, der mit »Flavius Bertaridus« seine erste Inszenierung in Hamburg vorstellt. Im Diktator Grimoaldus sieht er »einen schlauen Strategen, einen egomanen Lustkönig. Das Leben ist ihm eine ewige Feier.« Parallelen zu dem ein oder anderen Staatsmann von Heute (und dessen Sturz) sind da durchaus erwünscht. Den Flavius zeichnet Jens-Daniel Herzog als »effektiven und disziplinierten Moralisten. Flavius setzt am Ende die demokratische Weltordnung wieder ein - er weiß aber auch, wie er die alten Eliten ins neue System integriert.«
Die dramaturgischen Fallstricke einer Barockoper sind Jens-Daniel Herzog bestens vertraut. Der studierte Philosoph kommt von der Schauspielregie und inszenierte an Häusern wie dem Thalia Theater Hamburg, dem Wiener Burgtheater und dem Schauspielhaus Frankfurt. Seit einigen Jahren ist er aber auch als Opernregisseur sehr erfolgreich und setzte u. a. Händels »Giulio Cesare« an der Semperoper Dresden und dessen »Rinaldo« an der Oper Zürich in Szene. Vor den unlogischen Brüchen und dem Personenlabyrinth einer barocken Handlung hat Herzog keine Angst: »Man muss ganz klar festhalten: Eine Barockoper ist kein Strindberg. Wenn man als Regisseur nichts mit Affekten anfangen kann, sollte man von diesem Repertoire die Finger lassen«, betont er. Herzog entwirft für jede Figur eine detaillierte Charakterstudie - selbst eine stumme Rolle wie die des Prinzen Regimbert, dem Kind von Flavia und Grimoaldus, wird plötzlich zum Beherrscher der Szene. Für den typisch barocken »Deus ex machina« - hier in Gestalt des Lombardischen Schutzgeistes hat sich Jens-Daniel Herzog einen besonderen Coup einfallen lassen, der psychologische Glaubwürdigkeit mit einem magischen Moment verbindet. »Diese Szene muss unbedingt ihren Zauber behalten, das heißt ja nicht, dass man deswegen ein barockes Flugwerk bemüht«, meint Herzog, der auch als neuer Intendant der Dortmunder Oper seiner Liebe zur Alten Musik einen Platz einräumen wird.
Für das Bühnenbild hat sich Ausstatter Mathis Neidhardt an die barocke Kulissenbühne erinnert, die schnelle Verwandlungen ermöglicht und das Geschehen ständig im Fluss hält. Der Palazzo des Diktators ist ebenso protzig wie angeschmuddelt. Die Bühne zeigt, so Herzog, »den Kontrast zweier Welten: den Palast der Macht und ein nebulöses 'Draußen', das die Ausgestoßenen und Verbannten versammelt und für Flucht und Unterwegssein steht.« Intriganten und Diplomaten mischen in der medienwirksamen Wahrnehmung ihrer Chefs kräftig mit. Politische Karriere geht hier auf Kosten des privaten Empfindens - Familien zerbrechen angesichts des öffentlichen Drucks.
Ebensowenig, wie die Langobarden-Story für Telemanns Zeitgenossen als bloßer Geschichtsunterricht diente, wird »Flavius Bertaridus« also ausschließlich in die Vergangenheit der »333 Jahre« blicken. Das »vernünftige Feuer« Telemanns, das ihm ein Zeitgenosse zuschrieb, leuchtet in diesem Stück ganz besonders. Flavius selbst ist eindeutig Vertreter der Vernunft. »Kurz gesagt: Er ist eher Wasser- als Weintrinker«, meint Jens-Daniel Herzog. »Mit seinem Regiment wird es zwar geordneter, aber ohne Zweifel auch weniger bunt und genussvoll als bei Grimoaldus.«
»Der Beyfall kluger Kenner«
Der Sieg der Moral über ein destruktives System hatte im Hamburg des 18. Jahrhunderts auch einen weiteren Parabelcharakter: Das »rational-protestantische« zeigt sich gegenüber dem »barock-katholischen« Handeln überlegen - das gefiel der pietistischen Ethik. Hatte die Oper doch ohnehin bei der Hamburger Geistlichkeit einen schweren Stand: Von der Kanzel wurde gegen die »heidnische Ergetzlichkeit« des Bühnenspektakels gewettert. Als man die Theologen endlich befriedet hatte, bröckelte die Kaufmannsschicht und kümmerte sich lieber ums Kontor als um die Kunst: Ein Geschäftsmann sitze nicht vier Stunden auf einem Fleck, hieß es in einem Hamburg-Buch von 1759. Da war die Gänsemarkt-Oper bereits geschlossen. Und Telemann hatte sich längst dem Komponieren von Oratorien zugewendet. Mit »Flavius Bertaridus« hatte er sein Publikum noch gefunden, doch wenige Jahre nach der Uraufführung schlitterte die Gänsemarkt-Oper in die Krise. Telemann hatte vergeblich versucht, mit anspruchsvollen Werken gegen den verflachenden Publikumsgeschmack anzugehen.
Im Jahr der »Flavius«-Uraufführung feierte man das 50-jährige Bestehen der Hamburger Bühne, und Telemann ließ die personifizierte Oper als Allegorie singen: »Denn nur der Beyfall kluger Kenner / Und folglich Beystand hoher Gönner / In dieser Weltberühmten Stadt / Die mich schon über funfzig Jahren / In ihrem Schoß erhalten hat, / Kan mich allein / Von meiner mir sonst fast bestimmten Todten-Bahr / Befrey'n.« Der Appell an »Kenner« und »Gönner«, also an Bildung wie an Finanzen, macht klar: Oper war schon immer eine anspruchsvolle und teure Angelegenheit. Auf den europaweit einzigartigen Versuch, allen Schichten der Bevölkerung den Opernbesuch zu ermöglichen, war das demokratische Hamburg zu Recht stolz: Selbst höchste Monarchen wie Peter der Große eilten in die Hansestadt, um sich vom Ruf der Hamburger Oper zu überzeugen. Mit unendlichem Fleiß kämpften Protagonisten wie Telemann, Keiser und Margaretha Susanna Kayser gegen widrige Umstände.
Die Beherztheit und Liebe, aber auch die künstlerische Kraft, mit der man damals wie heute für das Musiktheater streitet, beeindruckt. Im Jubiläumsjahr der 333 Jahre ist die Premiere von »Flavius Bertaridus« eine wunderbare Gelegenheit, sich von der großen Tradition der Hamburger Oper aufs Neue fesseln zu lassen. Und dabei auch einem immer noch als »Vielschreiber« diskreditierten Komponisten späte Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Als Telemann 1767 im hohen Alter von 86 Jahren starb, trauerte das ganze musikalische Deutschland um ihn. In einem Beileidsschreiben an seinen Enkel lobte Kollege Johann Heinrich Rolle sein »göttliches Genie«, das die »Music aus der Finsterniß herausgezogen und ihr einen ganz andern Schwung gegeben« habe. 244 Jahre später bewundert die »Süddeutsche Zeitung« in ihrer »Flavius«-Rezension an Telemanns Musik, dass sie »sehr viel moderner daher kommt als alles, was die großen Zeitgenossen geschrieben haben. Weil Telemann das Individuum bereits viel ernster nimmt als Bach & Co.« Möge das Hamburger Publikum nun die berückende Schönheit und empfindsame Eleganz von Telemanns Tönen wiederentdecken!
Text: Kerstin Schüssler-Bach