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Sonntag 14.10.2012, 18:00 - 21:30 Uhr | Großes Haus

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Wolfgang Amadeus Mozart

Le Nozze di Figaro

In historischen Umbruchzeiten erfüllt euphorischer Jubel die Sieger, während auf Seiten der Verlierer sich die Angst breit macht. Wenn sich in Mozarts Stück Heiterkeit Bahn bricht, ist sie der schadenfreudige Abgesang auf absterbende Strukturen, alte Privilegien, überkommene Verfahrensweisen – auch der zwischen Mann und Frau. Mozart (und Beaumarchais) halten auf der Schwelle der Zeit die Balance – als Künstler auf dem Weg zur eigenen Selbstvermarktung, inhaltlich in der präzisen Zeichnung einer gewichtsverlagerten Gesellschaft mit Almaviva als lächerlicher Figur. Seine Klasse verliert politische Macht, und als Sklave seiner sexuellen Leidenschaft kompensiert er deren Verlust. Der Wind weht aus der Vergangenheit, dem Engel der Geschichte Walter Benjamins bläht er die Flügel. Er ist ein Sturm für die Sieger, für die Verlierer ein melancholischer Windstreif. Der Engel sieht nur Trümmer.

Inszenierung: Stefan Herheim
Bühnenbild: Christof Hetzer
Kostüme: Gesine Völlm
Licht: Phoenix (Andreas Hofer)
Video: fettFilm
Dramaturgie: Alexander Meier-Dörzenbach

in italienischer Sprache mit deutschen Übertexten
Unterstützt drch die Stiftung zur Förderung der Hamburgischen Staatsoper

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Notenlaube und Klangkäfig: Le Nozze di Figaro

Die erste der drei Mozart/DaPonte-Opern ist als »comedia per musica« klassifiziert – eine Komödie durch Musik: In Le nozze di Figaro (1786) dominiert eine Lust am Verwirrspiel und zahlreiche Aktionen gruppieren sich um komplizierte Handlungsverwicklungen. Diese Komödie um Begehrlichkeiten, Verführungsversuche und Irreführungen thematisiert sinnliches Spiel und nicht sozialen Aufruhr. Anders als die dramatische Vorlage La Folle journée ou Le Mariage de Figaro (1778/84) von Beaumarchais liegt in der »Komödie durch Musik« der Fokus mehr auf klingender Raffinesse denn auf anklagender Revolution. Wie unterschiedliche Tonstufen auf Notenlinien tanzen Schattierungen menschlicher Liebe in diesem Stück: Lockung, Liebelei, Treue und Irritation finden sich zu einer Musik, die Kierkegaard zu Recht »liebestrunken« nennt.

Ein paar Jahre vor der Komposition von Figaro schreibt Mozart an seinen Vater eine Reflexion über die Bild evozierende Macht in Belmontes Arie »O wie ängstlich, o wie feurig« aus seinem Singspiel Die Entführung aus dem Serail: »man sieht das zittern – wanken – man sieht wie sich die schwellende brust hebt – welches durch ein crescendo exprimirt ist«. Durch die Ohren werden so also Bilder von Seelenregungen in den Zuschauern gemalt. Emotionen, die sich eigentlich nicht metaphorisch über das Ohr vermitteln – Zittern, Wanken, Schwellen, Heben – werden in eine musikalische Bildsprache transferiert; »man sieht« etwas. Mozart differenziert in diesem Brief sinnliche Wahrnehmungen: »man hört das lispeln und seufzen – welches durch die ersten violinen mit Sordinen und einer flaute in unisono ausgedrückt ist.« Diese Unterscheidung von »Hören« und »Sehen« steht am Anfang einer analytischen Auseinandersetzung mit seiner musikalischen Bühnensprache – es gilt, schriftlich notierte Töne zum Leben auf der Bühne für die Zusehenden und Zuhörenden zu erwecken; leider haben sich die ohnehin spärlichen Mozartbriefe 1785/86 zur Entstehung von Figaro nicht erhalten, die diesen Anspruch theoretisch ausweiten.

In seiner »Komödie durch Musik« erblüht nun der Humor, eine geistige Heiterkeit, direkt aus dem musikalischen Gestus der Noten. Figaro ist kein Sozialrevoluzzer – sein »Se vuol ballare, signor Contino« ist beispielsweise im Ton des Menuetts gehalten, d.h. ein höfischer Gesellschaftstanz fordert den Grafen auf ästhetischer Augenhöhe und nicht etwa zum kriegerischen Klassenkampf heraus. Auch Susanna erscheint in der Klangaura des rhythmisch eleganten Menuetts, wenn sie überraschender Weise aus dem verschlossenen Kabinett der Gräfin tritt – vielmehr in musikalisch vornehmer Distinktion herausschreitet und so die polternde Herrschaft als emotionale Grobiane entlarvt. Mozart schreibt bereits 1781 an seinen Vater: »– das Herz adelt den Menschen; und wenn ich schon kein graf bin, so habe ich vielleicht mehr Ehre im leib als mancher graf.« Gerade in Le nozze di Figaro geht es um Menschen, die sich ihres Menschtums voll bewusst sind, bzw. werden, und so offenbart die Oper seit ihrer Niederschrift trotz aller historischen Zeitbezüge eine überzeitliche Aktualität an diesem einen, »tollen Tag«. Regisseur Stefan Herheim wird mit Mozarts »Komödie durch Musik« sein lang erwartetes Debüt an der Hamburgischen Staatsoper geben und hat zusammen mit seinem Team (Bühne: Christof Hetzer, Kostüme: Gesine Völlm, Dramaturgie: Alexander Meier-Dörzenbach) einen sinnlichen Klangkäfig entwickelt, in dem die Partiturblätter eine Notenlaube zwischen morgendlich heller Sonne zu Anfang der Oper bis zum dunklen Zwielicht der Sommernacht im Finalakt konstituieren, wie Mozart es selbst sagt: »Ohne Musik wär’ alles nichts.«


Information:

Ort: Großes Haus, Dammtorstraße 28, 20354 Hamburg
Preise: 4,- bis 89,- EUR


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