Zur mobilen Website wechseln
Staatsoper Hamburg

Staatsoper Hamburg Keyvisual


 
Alexander Borodin

Fürst Igor

Letzte Aufführung
SA, 15.09.2012 18:00 Uhr

    Staatsoper Hamburg

    Gegensätzliche Welten

    Simone Young und David Pountney bringen Borodins monumentales Epos als Reise durch 1000 Jahre russischer Geschichte auf die Bühne.

    »Da schaute Igor auf zur hellen Sonne und sah seine Krieger von ihr mit Finsternis bedeckt«, heißt es im russischen Epos »Igor-Lied«. Der Fürst ignoriert die unheilverkündende Sonnenfinsternis und bricht auf in den Krieg, wird vernichtend geschlagen und gefangen genommen. Nach gelungener Flucht kommt er zurück in seine zerstörte Heimat und wird dort wider alle Vernunft von seinem Volk als Held gefeiert.


    Russische Geschichte
    Es geht um Fürstenwillkür. Das von einem anonymen Autor verfasste Igor-Lied beschreibt den im Jahre 1185 unternommenen Feldzug des russischen Fürsten Igor Swjatoslawitsch von Nowgorod-Sewersk gegen die Polo­wzer. Das Manuskript der Dichtung wurde 1795 entdeckt und 1800 veröffentlicht. Während der napoleonischen Kriege 1812 ging die Originalhandschrift beim Moskauer Brand in Flammen auf. Glücklicherweise hatte man für Abschriften gesorgt. Auch die Zarin Katharina II besaß eine.
    Im 19. Jahrhundert wurde das Igor-Lied vor allem in den osteuropäischen Ländern populär, nicht zuletzt, weil die darin beschriebene gesellschaftspolitische Situation als unverändert empfunden wurde. Die heftigen sozialen und politischen Zusammenstöße hatten viele Demokraten desillusioniert, als sie erkannten, dass die Herrschenden gegen die Interessen des Landes handelten. In der Auffassung der Nationalisten, denen auch der Komponist Alexander Borodin angehörte, war Russlands Fortschritt nur durch politische Reformen möglich, an denen sich das Zarenhaus, der aufgeklärte Adel und das Bürgertum gleichermaßen beteiligten.
    »Die in der Oper verhandelten Konflikte haben kaum ihre Aktualität verloren«, meint Regisseur David Pountney: »Was die Dimension des Stückes ausmacht und uns auch heute noch daran interessiert, ist die Tatsache, dass sich darin eine bis in die Gegenwart fortdauernde Erfahrung widerspiegelt, von der die russische Geschichte geprägt ist: die konfliktreiche Begegnung mit anderen Völkern links und rechts von Russland, also im Westen und im Osten, die gleichermaßen als Verunsicherung erlebt wird. Einerseits fühlten sich die Russen im Laufe ihrer Geschichte immer wieder gegenüber dem Westen minderwertig – also gegenüber der mittel- und westeuropäischen Kultur mit ihrer fortschrittlichen Wissenschaft und Technologie und höher entwickelten Kunst; andererseits fühlten sie sich bedroht von immer wieder aufs Neue auftauchenden, ihnen kriegerisch überlegenen Völkern im Osten, deren fremde Kultur zugleich eine erotische Verführungskraft besaß. Die russische Erfahrung ist bis zu einem gewissen Grad bis heute von diesen beiden Polen bestimmt, was paranoide Reaktionen zur Folge hat … Das hat, geschichtlich gesehen, wahrscheinlich auch geografische Gründe: In der grenzenlosen Steppe konnte sozusagen jederzeit von allen Seiten eine Invasion drohen.«


    Entstehung
    »So habe ich immer die Absicht gehabt, den ersehnten Traum zu realisieren – eine epische russische Oper zu schreiben«, bekannte Borodin in einem Brief. Der universell gebildete Kritiker Wladimir Stassow empfahl das Igor-Thema und sandte ihm ein Szenarium, in dem er anregte, aus den erzählerischen Episoden und impressionistischen Landschaftsbeschreibungen ein musikalisches Drama zu gestalten. Borodin war begeistert. Er hatte sich ausführlich mit dem »Igor-Lied« und den his­torischen Ereignissen in Russland beschäftigt und ließ es sich nicht nehmen, auch das Libretto selbst zu verfassen.
    Er komponierte zusammen mit der Musik die einzelnen Teile des Textbuches. So war auch das Libretto nicht abgeschlossen, als er im Jahre 1887 überraschend starb. Insgesamt 18 Jahre hatte er an dem Riesenwerk gearbeitet, das er nun unvollendet zurückließ. Neben der Oper »Fürst Igor« hat Borodin nur eine kleine Anzahl Kompositionen geschaffen, darunter zwei Sinfonien, eine sinfonische Dichtung, Kammermusik und Lieder. Der Komponist bezeichnete sich selbst als Autor der »unvollendbaren« Oper »Fürst Igor«. Worin lagen die Gründe für seine fast hellsichtige Selbsteinschätzung? Sicher war es angesichts der realen politischen Verhältnisse schwer – Kriege und Revolten überzogen wieder einmal das Land, Zar Alexander II fiel einem Attentat zum Opfer –, eine russische Nationaloper zu schreiben. Doch es gab andere Gründe, weshalb der musikalische Nachlass des Komponisten so gering ausfallen musste: Alexander Borodin, der 53 Jahre alt war, als er starb, betrachtete das Komponieren nicht als seine eigentliche Profession: »Für andere ist Komponieren eine öffentliche Sache, Verpflichtung, Lebensziel – bei mir ist sie Erholung, Spaß, eine Laune, die mich von meinen öffentlichen tatsächlichen Aufgaben ablenkt«, ließ er verlauten.
    Als Professor an der Petersburger Akademie hatte er sich vor allem als Chemiker international einen Namen gemacht. Er trat für Reformen an den russischen Universitäten ein. Unter anderem setzte er durch, dass auch Frauen an seinen Seminaren teilnehmen konnten. »Ich liebe meine Sache, sowohl meine Wissenschaft als auch die Akademie und meine Studenten. Meine Wissenschaft ist ihrem Charakter nach eine praktische Beschäftigung und beansprucht deshalb eine Menge Zeit. Studenten und Studentinnen stehen mir auch in anderen Beziehungen nahe: als lernende Jugend, die sich nicht darauf beschränkt, dass sie meine Lektionen hört, sondern auch Anleitung bei den praktischen Tätigkeiten und anderem benötigt. Die Interessen der Akademie sind mir teuer. Deshalb möchte ich die Oper (»Fürst Igor«) einerseits gerne zu Ende bringen; andererseits fürchte ich, mich zu sehr dafür zu begeistern, dann würde meine übrige Tätigkeit aller Wahrscheinlichkeit nach sehr darunter leiden.« Salopp gesagt war Borodin ein Sonntagskomponist, der – ganz anders als sein Opernheld Igor – gewillt war, soziale Verantwortung vor Ehrgeiz und Selbstverwirklichung zu stellen.
    Borodin gehörte zur Komponistengruppe des Mächtigen Häufleins, Verfechter einer nationaltypischen russischen Musik. Er verbrachte seine knapp bemessene Freizeit oft im Kreise seiner »musikalischen Gefährten« Balakirew, Cui, Mussorgsky und Rimski-Korsakow, die regen Anteil nahmen an der langsam voranschreitenden Komposition des »Fürst Igor«. Doch trotz intensiver Phasen des Komponierens gelang es Borodin immer weniger, seinen vielfältigen Aufgaben gerecht zu werden. Kurz vor seinem Tod äußerte er gegenüber seiner Frau: »Wir haben uns zu viel um fremde Dinge gekümmert, schließlich überwältigen sie einen dann … Man kann nicht zu gleicher Zeit ein Glinka, ein Gelehrter, ein Beamter, ein Philantrop und Vater fremder Kinder, Arzt und Kranker sein. Es muss schließlich damit enden, dass man nur noch letzterer ist.«
    Kontrastierende Welten
    »Fürst Igor« nimmt heute in der russischen Operngeschichte einen ähnlichen Stellenwert ein wie etwa Mussorgskys »Boris Godunow« oder Glinkas »Ein Leben für den Zaren«. Die Besonderheit von Borodins Oper beruht auf der Gegenüberstellung zweier gegensätzlicher Welten, des christlichen Russlands und des exotischen Orients. Wie ein Mosaik wechseln sich Bilder aus der Heimat und Bilder aus dem Feindesland ab. Der Komponist schöpfte aus dem Schatz nationalen Melodiengutes wie Volks-, Brauchtum- und Kirchenmusik und verarbeitete es in Formen der westlichen Oper. Den Po­­­lo­wetzer Szenen gab er ein besonderes orientalisches Kolorit, wodurch sich das russische Milieu kontrastreich von der asiatischen Welt abhob. Klänge aus der russischen nationalen Musik verwendete er zur Charakterisierung und Kontrastierung der Figuren sowie der aus einzelnen Volksschichten bestehenden Chöre.
    »Das Werk bietet eine Art epischer Konfrontation zwischen russischem Nationalismus und einer orientalischen, auf verwirrende Weise erotischen Mystik. Das ist in gewissem Sinn natürlich ein sehr aktuelles Thema: Die Russen im Kaukasus, die westliche Allianz in Afghanistan und so weiter – diese Dinge zeugen vom fortgesetzten Aufeinanderprallen zweier vollkommen verschiedener Kulturen«, erläutert Regisseur David Pountney: »Was die Oper noch bietet, ist das außergewöhnliche Portrait eines geschlagenen Mannes. Es ist selten, dass ein Werk, das man als Nationaloper bezeichnen kann, um das vollständige Scheitern der Hauptfigur kreist: Fürst Igor verliert die wichtigste Schlacht seines Lebens und kehrt am Ende in eine verwüstete, geplünderte Hauptstadt zu­rück.«


    Vollendung und Bearbeitung
    Es gibt keine authentische Version des Werkes. Borodin hat nur ein Viertel fertig instrumentiert. Manches war in den Gesangsstimmen, im melodischen und harmonischen Verlauf konzipiert, aber noch nicht instrumentiert. Anhand von Skizzen ergänzten die Freun­de Nikolai Rimski-Korsakow und dessen Schüler Alexander Gla­­sunow die Partitur. Einige Teile wurden neu hinzukomponiert, zum Beispiel existierte keine Ouvertüre, und Glasunow schrieb sie auf der Basis von Themen Borodins. Etwa ein Fünftel der Entwürfe berücksichtigten die beiden Komponisten gar nicht, und vieles wurde redigiert. 1890 brachten Rimski-Korsakow und Glasunow die Oper mit ihren Ergänzungen im Petersburger Mariinski Theater zur Uraufführung.
    Erst 1949 entwickelte der Musikologe Pavel Lamm eine Version, die alle verfügbaren Autografe Borodins berücksichtigte.


    Die Hamburger »Fürst-Igor«-Fassung
    Für die in Hamburg gezeigte Fassung ergänzte der britische Dirigent und Russland-Spezialist David Lloyd-Jones in Zusammenarbeit mit dem Komponisten Dmitri Smirnov die Partitur durch ein bislang kaum ver­­- öffentlichtes Material, das Lamm zugänglich gemacht hatte. Generalmusikdirektorin Simone Young dirigiert die Hamburger Premiere von »Fürst Igor« in einer auf dieser Grundlage gemeinsam mit David Pountney eigens erarbeiteten Spielfassung: »Da die Oper nie in einer kompletten Form existierte, wurde von verschiedenen Komponisten etwas hinzukomponiert, neu orchestriert und so weiter. Seither gibt es sie in den verschiedensten Fassungen. Für David Pountney und mich waren mehrere Punk­te wichtig«, erklärt Simone Young: »Der eine ist die zusätzliche Arie für Igor im dritten Akt, die wir für unentbehrlich hielten, vor allem für die Größe der Figur, die sonst an dieser Stelle völlig verschwindet.
    Ein weiterer wichtiger Punkt ist, dass wir den zweiten Akt mit dem ersten tauschten. So war es von Borodin nach Lamms Aufzeichnungen auch ursprünglich gedacht. Nach dem Prolog sah er den Polowetzer-Akt mit der Gefangenschaft Igors vor, und erst dann folgte der Akt in Putiwl, wo Igors Schwager Galitzky Igors Vermögen veruntreut und einen Staatsstreich vorbereitet. Das Polowetzer Bild kommt also gleich nach dem Prolog, was viel hautnaher wirkt, weil es uns bereits emotional in die Geschichte hineinbringt und nicht mehr nur das Politische zum Thema hat. So wird die Geschichte viel konsequenter erzählt: Wir sehen Igor in den Krieg ziehen, im darauf folgenden Akt erleben wir ihn als Gefangenen vom Khan Kontschak und erst danach werden wir Zeuge der Geschehnisse in Putiwl. Alles ist so besser zu verstehen, und auch musikalisch wirkt es stärker, weil der erste Teil nun mit den bekannten und sehr schönen Polowetzer Tänzen endet.«
    Annedore Cordes