Zur mobilen Website wechseln
Staatsoper Hamburg

Staatsoper Hamburg Keyvisual


 
Nikolaj Rimskij-Korsakow, Dmitri Schostakowitsch

Nijinsky

Letzte Aufführung
FR, 10.05.2013 19:30 Uhr


Es ist eine Biographie der Seele, eine Biographie von Empfindungen und Zuständen. Mag sein, dass ein bestimmtes Ereignis - ob historisch getreu oder imaginär - en passant gestreift wird, mag sein, dass Charaktere auftauchen, die an Menschen aus Nijinskys Umfeld erinnern ohne ihnen im Erscheinungsbild zu gleichen. Doch es ist kein »Handlungsballett« - vielleicht ist es nicht mal ein geschlossenes Ballett, sondern eigentlich zwei: zwei Ansätze, zwei Wege, ein Thema einzukreisen, zwei choreografische Annäherungen an Nijinsky. Letztendlich muß aus all dem etwas Eigenes entstehen, das verständlich wird und berührt, auch wenn man kein einziges Wort gelesen hat, keines von und keines über Nijinsky: »making a present out of the past«.

John Neumeier

»Nijinskys Leben lässt sich einfach zusammenfassen: zehn Jahre Wachsen, zehn Jahre Lernen, zehn Jahre Tanzen, dreißig Jahre Finsternis. Insgesamt etwa sechzig Jahre. Wie lange er in der Erinnerung der Menschen leben wird, können wir nur vermuten.«

Richard Buckle



Worauf sich konzentrieren, wenn man ein Stück macht, vor allem eines über eine konkrete Person? Welcher Fassung einer Geschichte glauben? Wer war er, der Mensch, der Künstler? Welchen Zeugen trauen, auf welche Zeugnissen sich berufen? Welchen Standpunkt den rätselhaften Seiten Nijinskys gegenüber einnehmen? Eine Gratwanderung!

Vor zwanzig Jahren habe ich ein kleines Ballett mit dem Titel »Vaslaw« choreographiert. Beinahe zufällig ist es entstanden. Es begann als ein abstraktes Werk für einige Gäste der Nijinsky-Gala 1979 zum Abschluß der 5. Hamburger Ballett-Tage, die dem Werk Serge de Diaghilews gewidmet waren. Während des Probenprozesses mit Patrick Dupond, der die Titelpartie tanzte, schlich sich etwas vom Geist Nijinskys hinein und es wurde unerwartet zu »Vaslaw« - ein Vorname nur, ein kleines intimes Stück. Aber im Grunde ist nichts schwerer, als ein Ballett über eine bestimmten Menschen zu machen. Man muß viel über ihn wissen, um ihn zu begreifen - und im Moment des Kreierens alles wieder vergessen, all das weg tun, was man gelesen, gehört, gedacht hat. Je mehr man weiß, je tiefer man verbunden ist, umso schwieriger ist es. Deshalb wollte ich nie ein Stück über Nijinsky machen und bin nun doch - nach Jahren - an den Punkt gelangt, mich zu stellen.

Die choreographische Annäherung kann keine dokumentarische sein, es ist eine Biographie der Seele, eine Biographie von Empfindungen und Zuständen. Mag sein, dass ein bestimmtes Ereignis ? ob historisch getreu oder imaginär - en passant gestreift wird, mag sein, dass Charaktere auftauchen, die an Menschen aus Nijinskys Umfeld erinnern ohne ihnen im Erscheinungsbild zu gleichen. Doch es ist kein »Handlungsballett« - vielleicht ist es nicht mal ein geschlossenes Ballett, sondern eigentlich zwei: zwei Ansätze, zwei Wege, ein Thema einzukreisen, zwei choreographische Annäherungen an Nijinsky. Letztendlich muß aus all dem etwas Eigenes entstehen, das verständlich wird und berührt, auch wenn man kein einziges Wort gelesen hat, keines von und keines über Nijinsky: »making a present out of the past.«

Das Wunder der Kunst ist, dass sie im Innern entsteht. Da kann es geschehen, dass die Arbeit selbst gewisse Antworten liefert, denen man sich öffnen muß. Es entstehen neue Bezüge, Kräfteverhältnisse und Spannungsfelder, choreographische, emotionale, menschliche - und solche zwischen Musik und Bewegung.

Um das besondere Klima einer bestimmten Ebene von Nijinskys Leben darzustellen, habe ich für den ersten Teil - von einigen kürzeren kammermusikalischen Stücken abgesehen - Nikolai Rimsky-Korsakows »Scheherazade«gewählt, denn sie vermittelt ganz die Magie der frühen Ballets Russes. Nijinsky tanzte darin den goldenen Sklaven, wohl die berühmteste seiner exotischen »Sklaven«-Rollen. Sie begründete den Mythos Nijinsky, noch bevor aus ihm der Geist der Rose wurde, das Puppenwesen Petruschka, der triebhafte Faun... Ganz anders der zweite Teil, die zweite »Annäherung«, der die große 11. Sinfonie von Dmitri Schostakowitsch zugrunde liegt. Schostakowitsch komponierte sie 1957, wenige Jahre nach Nijinskys Tod. Er gab ihr den programmatischen Titel »Das Jahr 1905« und erinnerte damit an den Aufstand vor dem Winterpalast in St. Petersburg im Januar desselben Jahres, der grausam niedergeschlagen wurde und als »Blutiger Sonntag« in die Geschichte einging. Auch Nijinsky soll damals, durch Zufall, in die Demonstrationen und Unruhen geraten und verletzt worden sein. Das war das erste Kriegsfanal, das ihn erreichte, es folgten der Erste Weltkrieg, die Oktoberrevolution und der Zweite Weltkrieg. Ein Leben zwischen Kunst und Krieg - Kampf außen und innen, Krieg im eigenen Körper. Was ging wohl in ihm vor?

Nijinsky - ein unerschöpfliches Thema... wo beginnen, wo enden?

John Neumeier