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Staatsoper Hamburg

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Richard Strauss

Ariadne auf Naxos

Letzte Aufführung
DI, 29.01.2013 19:30 Uhr

    Staatsoper Hamburg

    Experiment mit Theaterformen

    »Ariadne auf Naxos« wird von Simone Young, Christian Stückl und Stefan Hageneier auf die Bühne der Staatsoper gebracht.

    Die Geschichte ist eine uralte und vertraute: Theseus begibt sich nach Kreta, um die Athener von ihrem blutigen Tribut an König Minos zu befreien. Minotaurus, dem stierköpfigen Monster im Labyrinth, müssen regelmäßig Kinder geopfert werden. Theseus wagt den Weg in das Labyrinth und tötet den Minotaurus. Mit Hilfe des Fadens der Ariadne, der Tochter des Minos, findet er den Weg zurück. Theseus bricht mit der in ihn verliebten Ariadne nach Athen auf. Auf Naxos macht man Zwischenhalt und verbringt eine glückliche Zeit miteinander, bis Theseus der Gott Dionysos (Bacchus) im Traum erscheint und ihm Unheil androht, wenn er nicht von Ariadne ließe, welche das Schicksal ihm, Dionysos, bestimmt habe. Während Ariadne in tiefem Schlaf liegt, segelt Theseus allein nach Athen weiter und lässt die Geliebte auf der Insel zurück.

    Liebe zu Griechenland
    Richard Strauss begeisterte sich sein Leben lang für die griechische Kunst. »Die Liebe zu Griechenland und zur Antike ist mir geblieben und hat sich immer mehr gesteigert«, schrieb der Komponist im Alter von 81 Jahren. »Meine griechischen Opern haben den Menschen Tonsymbole geschaffen, die als letzte Erfüllung griechischer Sehnsucht gelten dürfen.« Für die Komposition der Oper »Ariadne auf Naxos« wurde Strauss demnach folgerichtig zum Ehrenbürger der Insel Naxos ernannt. Aber eigentlich lässt die eigenartige und sehr spezielle stilistische Form dieses Werk nur bedingt als »griechische Oper« gelten.

    Idee und erste Fassung
    Richard Strauss und Hugo von Hofmannsthal verstanden sich als gleichberechtigte Partner, wovon der umfangreiche Briefwechsel der beiden Zeugnis ablegt. Stoffwahl, Dramaturgie, musikalische Gestaltung wurden in mehr als 600 Briefen erörtert. Dem »Rosenkavalier« als erstem gemeinsamen Werk sollte aus Sicht der Autoren nun eine weitere »Rokoko-Oper« folgen. Die Ursprungsidee stammte von Hugo von Hofmannsthal, der dem berühmten Regisseur Max Reinhardt für seine hilfreiche Mitwirkung bei der Uraufführung des »Rosenkavalier« in Dresden als Dank eine kleine Oper schreiben wollte, vorgesehen als Einlage für eine Schauspielproduktion: »eine dreißig Minuten Oper für kleines Kammerorchester ... benannt Ariadne auf Naxos und gemischt aus heroisch mythologischen Figuren im Kostüm des 18. Jahrhunderts ... und aus Figuren der Commedia dell'Arte, Harlekin und Scaramuccio, welche ein in dem heroischen Element fortwährend verwebtes Buffoelement tragen...« Als Rahmenhandlung entschied man sich für Molières Komödie »Der Bürger als Edelmann«. »Ich glaube, das kann etwas sehr reizendes werden, ein neues Genre, das scheinbar auf ein älteres wieder zurückgreift«. (Hofmannsthal)
    In der Erstfassung hat Hofmannsthal das Geschehen der Oper noch vollständig mit Molières Schauspiel verknüpft. Das fünfaktige Werk wurde dabei bewusst auf zwei Akte zusammengestrichen. Im Zentrum der Handlung steht die Täuschung des neureichen tölpelhaften Jourdain durch das adelige Liebespaar Dorantes und Dorimène. An die Stelle einer Balletteinlage bei Molière setzten Strauss und Hofmannsthal den Operneinakter »Ariadne auf Naxos«, in der gleichzeitig eine Commedia dell'Arte und eine tragische Oper aufgeführt werden.
    Max Reinhardt inszenierte die Uraufführung am Stuttgarter Schloss­theater im Oktober 1912. Das Werk fiel trotz oder gerade wegen der ungewöhnlichen Konzeption durch: »Die erste Idee war reizend, anfangend in nüchternster Komödienprosa, durch Ballett und Commedia dell'Arte zu den Höhen reinster, wortloser Musik geführt, scheiterte sie schließlich an einer gewissen Unkultur des Publikums. Das eigentliche Schauspielpublikum kam nicht auf seine Kosten, das Opernpublikum wusste nicht viel mit dem Molière anzufangen«, resümierte der Komponist 1942 in einem Essay.

    Zweite Fassung
    Strauss beschloss als Fazit des Entstehungsprozesses, das Werk gründ­­lich zu überarbeiten. Hofmannsthal zeigte sich darüber zunächst wenig begeistert, da er bereits mit dem Textbuch zur »Frau ohne Schatten« beschäftigt war. Bei der Umarbeitung wurden die Teile der Molière'schen Komödie von der Oper »Ariadne auf Naxos« abgetrennt. Aus der ursprünglichen Verbindungsszene schuf Hofmannsthal ein komödiantisches durchkomponiertes Vorspiel.
    Dieses Vorspiel kündigt die Opernaufführung an und zeigt deren Entstehungsbedingungen, vor allem aber die gesellschaftlichen Zwän­­ge, denen sich ein Künstler unterwerfen muss - nämlich, dass der Geldgeber bestimmen kann, wie das von ihm in Auftrag gegebene Werk auszusehen habe.
    Inhaltlich stellt Hofmannsthal ein prunkvolles Palais aus Kaisers Zeiten im Vorspiel der öden Insel zur Zeit der griechischen Antike in der Opernhandlung gegenüber. Dieser »reichste Mann von Wien« namens Jourdain erscheint selbst gar nicht auf der Szene, sondern lässt seine Anordnungen an die Künstler durch seinen Haushof­meis­ter verkünden, der als Sprechrolle zudem von allen anderen Figuren des Stücks abgehoben ist.

    Gegensätze
    Das Prinzip dramaturgischer und ästhetischer Gegensätze durchzieht als roter Faden das gesamte Werk. Die heroische Figur der Ariadne steht der Commedia dell'Arte-Figur der Zerbinetta gegenüber. In den beiden Figuren stoßen innerhalb des Werkes zwei Lebenskonzepte aufeinander, wie sie gegensätzlicher kaum sein können. Die von Theseus verlassene Ariadne lebt in einem Schattenreich voller Todessehnsucht und Erinnerung an den einstigen Geliebten. »Sie ist das Sinnbild der menschlichen Einsamkeit«, lässt Hofmannsthal den Komponisten im Vorspiel sagen. Zerbinetta dagegen »verlustiert« sich, lebt in der Gegenwart und umgibt sich mit vier Liebhabern gleichzeitig. »Sie ist eine Meisterin im Improvisieren, da sie immer nur sich selber spielt«, legt Hofmannsthal dem Tanzmeister in den Mund. Neben der stark hervorgehobenen Gegensätzlichkeit der beiden weiblichen Hauptfiguren der Oper hat Hofmannsthal Situationen geschaffen, in denen alle Geschehnisse der Verwandlung und Sinnverkehrung unterworfen sind. Die Sänger des Bacchus und der Ariadne, denen in ihren Rollen ein hohes Maß an seelenhafter Tiefe abverlangt wird, präsentieren sich als eingebildete launische Stars, die in all ihrer Profilierungssucht heimlich vom Komponisten verlangen, dass dem Partner die Rolle gekürzt werden soll. Die entscheidende Idee der Verschmelzung von opera buffa und opera seria kommt schließlich vom Auftraggeber Jourdain, der sich vor seinen Gästen mit einem, heute würde man sagen kostspieligen Kulturevent produzieren will. Die bewusst tiefsinnige und philosophische Deutung der Ariadne-Handlung hat der Dichter der Rolle des Komponisten übertragen, der in seiner Naivität dem für ihn undurchschaubaren Taktieren der Opportunisten um sich herum nicht gewachsen ist und folglich klein beigibt.
    Aber gerade diese Naivität verdeutlicht am stärksten, worin Utopie und Selbstverständnis eines Kunstwerks und seines Schöpfers liegen. Trotzdem hat dadurch das Spielgeschehen seine illusionistische Wirkung eingebüßt, da Rolle und Interpret nicht mehr übereinstimmen. »Hofmannsthals Oper sollte jedoch über die Vermittlung der stilistischen Widersprüche zwischen opera seria und opera buffa, zwischen aristokratischer und populärer Kunstauffassung, zwischen fiktiver Kunst- und realer Lebenswelt hinaus zum sinnfälligen theatralischen Symbol für die Einheit all dieser Widersprüche werden«, formulierte der Strauss-Forscher Stephan Kohler.

    Verwandlung
    Die letzte halbe Stunde des zweiten Teils in der Oper gehört Ariadne und Bacchus. Auf eine »fast mythische Höhe« sollte das dramatische Geschehen um die beiden geführt werden (Hofmannsthal) und da­mit eine neue Dimension an suggestiver Wirkungskraft erreichen. Dieser finale Abschnitt versinnbildlicht, wie sich die Möglichkeiten von Treue und Wesensänderung verbinden lassen. Ariadne verwandelt Bacchus und lässt sich ihrerseits von diesem verwandeln.
    Was Hofmannsthal im Kern des Werkes unter aufrichtiger und weit über einen persönlichen Standpunkt hinaus reichender Treue versteht, hat er in einem Brief formuliert: »Es handelt sich um ein simples und ungeheures Lebensproblem: das der Treue. An dem Verlorenen festhalten, ewig beharren bis in den Tod - oder aber leben, weiterleben, hinwegkommen, sich verwandeln, die Einheit der Seele preisgeben, und dennoch in der Verwandlung sich bewahren, ein Mensch bleiben, nicht zum gedächtnislosen Tier hinabsinken.«
    In der Schlussapotheose verlassen die Autoren damit bewusst die ansonsten sich selbst auferlegte Distanz zum Theater: Der Moment, in dem sich Ariadne und Bacchus, durch das Wunder der Liebe verwandelt, den Augen des Zuschauers entziehen, ist eine Stelle, an der nach Hofmannsthal »nichts vom Spiel im Spiel mehr zu ahnen sei, und der Zuhörer sich dieser Dinge so wenig mehr erinnern darf, als wer in einem tiefen Traum liegt, etwas von seinem Bette weiß«. Bis zu einer solchen fast surrealen Dimension lässt sich dieses Werk vertiefen, das doch als Experiment mit Theaterformen begann und seine Zuhörer bis auf den heutigen Tag mit der Erkenntnis konfrontiert, wie gerade ein abgehobenes artifizielles Spiel zu Erkenntnissen jeder mensch­lichen Existenz führen kann.
    Annedore Cordes

    Fotos: © Rittershaus