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Staatsoper Hamburg

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Giacomo Puccini

La Bohème

Letzte Aufführung
DO, 21.02.2013 19:30 Uhr


"Und Zärtlicheres gab es auf Erden nicht..."

Guy Joosten inszeniert in Hamburg "La Bohème"

Künstler und Gesellschaft

Bereits im 15. Jahrhundert tauchte der Begriff »Bohémien« in Frankreich auf. Man bezeichnete damit die über Böhmen eingewanderten Zigeuner, fahrendes Volk, das seinen Lebensunterhalt als Musiker und Gaukler verdiente. Zweihundert Jahre später nannte man dann alle nicht Sesshaften, mehr oder weniger verkommenen, unbekümmert und ungebunden lebenden Menschen Bohémiens. Die Bohème bedeutete zunächst nichts anderes als eine Demonstration gegen die bürgerliche Lebensart, angeführt von Künstlern und Studenten, deren Opposition oft nur jugendlicher Übermut und Widerspruchsgeist war und deren Rebellion sich meistens in der Missachtung der herrschenden gesellschaftlichen Verhältnisse erschöpfte. Im 19. Jahrhundert lockte der glänzende wirtschaftliche und kulturelle Aufschwung viele Künstler unterschiedlicher Herkunft und Begabung nach Paris, die hier einen fruchtbaren Boden für ihr Schaffen zu finden hofften. Die wachsende Kommerzialisierung der Kunst isolierte jedoch bald jene, die sich nicht dem offiziellen Geschmack unterwerfen wollten oder konnten. Im Laufe dieser Jahre entwickelte sich die Bohème zu einem Künstlerproletariat, das sich aus Leuten zusammensetzte, die als ungesicherte Existenzen am Rande der Gesellschaft dahinlebten. Das Bürgertum romantisierte und idealisierte diese Szene in einem Maße, wie die wirkliche Bohème verelendete und aufhörte, romantisch zu sein.

Henri Murger und »La Vie de Bohème«

Durch Henri Murger wurde die »Bohème« erst richtig populär. Die Zeitschrift »Le Corsaire de Satan« veröffentlichte zwischen 1845 und 1848 seinen Fortsetzungsroman »Scènes de la Vie de Bohème«, bei dem es sich um eine Sammlung von Genreszenen aus dem Pariser Bohème-Milieu handelte. Auch eine Dramatisierung, die er kurze Zeit später mit Théodor Barrière vornahm, feierte 1849 im Théâtre des Variétés große Erfolge. Murger war zu diesem Zeitpunkt Anfang zwanzig und konnte den Stoff seiner Szenen aus eigenem Erleben schöpfen. Seine Figuren entstammten dem Milieu des Quartier Latin - junge Künstler und neben ihnen selbst ernannte Kandidaten des Künstlertums mit ihren Geliebten, Mädchen niederen Standes. Seine Hauptpersonen hat Murger lebendigen Vorbildern nachgeformt. Die vier Freunde, die in der Pariser Dachkammer hausen, entsprachen tatsächlichen Mitgliedern der Gruppe »Cénacle de la Barrière d'Enfer«. Rudolf soll sogar ein Eigenporträt Murgers sein. Die Romanfigur Mimì bildet die Quintessenz aus vier ehemaligen Geliebten des Dichters: aus Marie-Virginie Vimal (die als Straßenmädchen endete), aus Lucile Luvet, einer verarmten, im Spital gestorbenen Arbeiterin, aus der Putzmacherin Juliette und aus Murgers eigener Cousine Angèle. Eine antibürgerliche Lebensform ist bei Murgers Bohème kaum auszumachen; vielmehr präsentiert sie sich als seltsames Luftschloss am Rande der Gesellschaft. Die oppositionelle Attitüde kaschiert nur die Sinnleere eines Daseins ohne Ziel. Gesellschaftliche Spannungen zu thematisieren, lag Murger wohl auch fern. Das einzige, was der Autor angestrebt habe, erklärte Puccinis Biograf Mosco Carner, war 'die Jugend, die nur eine Zeit hat', ohne irgendwelche Anzeichen von Prüderie und erhobenem Zeigefinger zu
beschreiben: »Sollten die Scènes eine Sendung enthalten, dann nur, dass die Bohème eine notwendige Phase des Künstlers ist, und je eher er ihr entwächst, desto besser für seine Kunst; in seinem letzten Kapitel zeigt uns Murger Rodolfo und Marcello, die sich zu regelmäßiger, solider Arbeit und einer bürgerlichen Existenz niedergelassen haben.« Murger jedenfalls konnte durch seinen erfolgreichen Roman dem proletarischen Bohème-Milieu entsteigen und avancierte zum etablierten Autor.

Giacomo Puccini und »La Bohème«

Zwar hatte Henri Murger die Bohème in Mode gebracht, Weltruhm erlangte sie aber erst 50 Jahre später durch Giacomo Puccinis Oper. Das eigentliche Thema des Romans, das Verhältnis des Künstlers zur bürgerlichen Gesellschaft, interessierte den Komponisten, war er doch mit diesem Milieu dank seiner eigenen Studentenjahre in Mailand bestens vertraut. 1893 war ihm mit der Oper »Manon Lescaut« der internationale Durchbruch gelungen, was zur Folge hatte, dass seine Existenz auf eine materiell sichere Basis gestellt war. Luigi Illica, der schon bei der endgültigen Fassung des »Manon«-Librettos beteiligt war, schuf zusammen mit dem Schriftsteller Giacomo Giacosa aus der losen Szenenfolge des Romans ein Opernlibretto. Während alle Figuren ihren Pendants im Roman weitgehend entsprechen, lässt sich das Vorbild von Mimì nur schwer identifizieren. Bei genauerer Betrachtung von Murgers Romanheldin ist das nicht verwunderlich: Sie neigt zur Promiskuität und bezeichnet sich selbst als Flittchen. Als Rudolf unwiderlegbare Beweise ihrer Untreue erhält, wirft er sie nach einem heftigen Streit, bei dem er sie fast erdrosselt, aus der Wohnung. »Ihr Gesicht war wie ein Entwurf zu einem aristokratischen Gemälde«, formuliert Murger, »aber ihre Züge, so ungemein fein und durch den Glanz blauer, feuchter Augen sanft verklärt sie auch waren, bekamen in gewissen Momenten des Ärgers oder der Laune einen brutalen, fast wilden Ausdruck, aus dem ein Psychologe vielleicht auf tiefen Egoismus oder große Gefühllosigkeit geschlossen hätte.« Diese Wesenszüge kann man sich bei einer der fragilen Puccini-Heldinnen schwerlich vorstellen. Der Komponist forderte von seinen Textdichtern ausdrücklich »leuchtende, wohlgefällige« Gestalten. Und doch fand Puccini die empfindsame Seite seiner Mimì in Murgers Roman, denn es gibt hier eine weitere Figur, die allerdings nur eine episodische Rolle im Gesamtgeschehen spielt: Das 18. Kapitel beschäftigt sich mit dem anrührenden Schicksal der schwindsüchtigen Francine, deren Lebensdetails kurzerhand Puccinis Oper zugeschlagen wurden. Mimì und Francine sind in »La Bohème« zu einer Figur verschmolzen. Über drei Jahre dauerte die Fertigstellung der Oper. Der Briefwechsel zwischen Komponist und den beiden Librettisten gibt eine ungefähre Vorstellung vom zähen Ringen um die Gestalt des Werkes und um jedes Detail. Ungewöhnlich viel wurde verworfen. »Als die 'Bohème' erschien, blieben uns im Koffer andere zehn 'Bohèmes' übrig«, berichtete später Luigi Illica. Am 10. Dezember 1895, »um Mitternacht, Torre del Lago«, setzte Puccini Finis unter die Handschrift von »La Bohème«. Über die Arbeit an Mimìs Tod berichtete er später einem Freund: »... ich musste aufstehen, mitten im Zimmer, allein im Schweigen der Nacht, und ich fing an zu weinen wie ein Kind. Es war, als hätte ich mein eigenes Geschöpf sterben sehen.«

Vier Bilder einer Geschichte als Lebenskreislauf

»In der Mansarde«, auf denkbar kleinstem Raum menschlicher Existenz, beginnt und endet »La Bohème«. Die Oper besteht aus vier Bildern im Stil eines Dramas in Stationen. Auf die erste Begegnung der Liebenden folgt vor großer Öffentlichkeit das rauschende Fest im Quartier Latin, das die unausbleibliche Ernüchterung aller Illusionen an der Zollbarriere d'Enfer nach sich zieht, was den Tod Mimìs im letzten Bild der Oper einleitet. Die Bildfolge fügt sich zum Lebenskreislauf, der nicht anzuhalten ist. Das vierte ist zugleich eine Variation des ersten Bildes, nur unter völlig anderen Vorzeichen. Was einst Sinnbild für Liebe und Eros war, wird nun zum Zeichen für Krankheit und Tod: Aufblühen und Verwelken in einer in sich geschlossenen Opernwelt. Dabei lässt sich jedes der vier Bilder in zwei stark voneinander unterschiedene Abschnitte gliedern. Es hat den Anschein, als wollten Puccini und seine Librettisten einem Positiv stets ein Negativ an die Seite stellen. Im ersten Teil jedes Bildes wird ausgelassen drauflosgefeiert. Was kostet die Welt? Wir Künstler gestalten sie doch, selbst dann, wenn Armut die Existenz und Hoffnungslosigkeit die Liebe zu vernichten drohen. Der Geist des Ensembles dominiert in »La Bohème« wie kaum in einer anderen Oper, geprägt von Menschen, die Isolation durch Gemeinsamkeit zu überwinden suchen. Im zweiten Abschnitt jedes Bildes jedoch holt die Wirklichkeit die oft nur unbewusst gehegten Träume und Illusionen aller Figuren ein. Im ersten Bild dämpft Mimì den Überschwang Rodolfos. Sie will lieber nach draußen als mit ihm allein zu bleiben. Am Ende des zweiten Bildes muss einer, wenn auch der alte Staatsrat Alcindoro, die Zeche bezahlen. Und der Zapfenstreich, der aufzieht, kündigt nicht allein vom Glanz der Straßenparade, sondern auch vom Ende unbeschwerten Zusammenseins. Am Weihnachtsabend neigt sich ein Karneval des Lebens der Katastrophe zu. Am Ende des dritten Bildes geht ein Paar an der Zollschranke, die zugleich Lebensgrenze ist, auseinander, während das andere beschließt, solange zusammen zu bleiben, bis die Blumen wieder blühen. Die Ewigkeit, die dabei beschworen wird, ist jene des Winters. Es wird unweigerlich kalt in den Herzen der Liebenden. Und das Tanzspiel der Künstler im vierten Bild, die zu Gavotte, Menuett, Fandango und Quadrille aufrufen, ist in Wahrheit ein Totentanz. Nur eine Figur vermag in diesem Werk die Enge der kleinen Geschichte zur Offenbarung eines Lebensgeheimnisses und zum Sinnbild für einen unaufhaltsamen Lauf der Natur zu verwandeln: die zunächst so unscheinbar wirkende Näherin Mimì. Wenn er auch das Ende nicht begreift, setzt Rodolfo, der am Ende scheiternde Künstler und Liebende, ein unvergleichliches Denkmal für den Triumph einer menschlichen Stimme über die Gesetze des Lebens. Seine beiden letzten Worte in dieser Oper lauten: »Mimì, Mimì ...« So müsste die Oper eigentlich heißen, hört man stärker auf die Musik als auf den Text.

... und hatte große Lust zu weinen

Puccinis Komposition ist ganz auf das szenische Geschehen abgestimmt, bei dem in kontrastreicher Gegenüberstellung lyrisch-sentimentale und komödiantisch-lebendige Partien abwechseln. Die Themen werden leitmotivisch verarbeitet, aber nicht in sinfonisch-dramatischem Sinn wie etwa bei Wagner; sondern entsprechend der Architektur des Romans in symmetrisch gebauten, geschlossenen Gebilden, die oft nur wenige Takte umfassen. Der letzte Akt ist, wie Puccini sagt, »aus logischen Erinnerungsmotiven aufgebaut.« Seine Opernfiguren agieren nicht aus einem abwägenden Verstand heraus oder aufgrund fest gefügter Normen, sondern überlassen sich zumeist ihrem augenblicklichen Fühlen. Die Hingabe der dramatischen Personen an ihre Sinne und Gefühle, die Atmosphäre des »erfüllten Augenblicks« verleiht Puccinis Musik ihre große sinnliche Wirkung und Faszination. Thomas Mann beschreibt diese Wirkung in seinem Roman »Der Zauberberg«: »Und Zärtlicheres gab es auf Erden nicht als den Zwiegesang aus einer modernen italienischen Oper ... als diese bescheidene und innige Gefühlsannäherung zwischen der weltberühmten Tenorstimme ... und einem glashell-süßen, kleinen Sopran - als sein 'Da mi il braccio, mia piccina' und die simple, süße, gedrängt melodische kleine Phrase, die sie ihm zur Antwort gab.« Am 1. Februar 1896 wurde »La Bohème« unter der Leitung des jungen Arturo Toscanini am Turiner Teatro Reggio uraufgeführt. Der Erfolg war lange nicht so groß wie drei Jahre vorher bei »Manon Lescaut«. Über die ablehnenden Kritiken war Puccini sehr verletzt: »Sie sagten sogar, dass die 'Bohème' das Ende der Spielzeit nicht erleben würde. Und weil ich in die 'Bohème' meine ganze Seele gelegt hatte, weil ich sie unendlich geliebt habe, mit einem unbeschreiblichen Mitgefühl all ihre Kreaturen begleitet habe, bin ich niedergeschlagen in mein Hotel zurückgekehrt. Ich war traurig, melancholisch und hatte große Lust zu weinen ... Am Morgen empfing mich dann der missgünstige Gruß der Zeitungen.« Doch das Blatt sollte sich schnell wenden: Bei einer Aufführung in Palermo, April 1896, gab es nicht enden wollenden, rauschenden Beifall. Und von dann erfolgte eine rasche Verbreitung im In- und Ausland. »La Bohème« ist heute eine der berühmtesten und beliebtesten Opern der Welt.

Fotos: © Bernd Uhlig